Die Charly Cutter Bücher

Charly Cutter und das geheimnisvolle Loona

Charly ist gerade einmal zehn Jahre alt, als er an sich erste Veränderungen wahrnimmt. Und diese Veränderungen haben nicht nur mit der Pubertät zu tun. Noch macht er ein großes Geheimnis daraus, was er an sich entdeckt hat. Und es ist auch viel spannender mit seinem Freund Jonathan ein Geheimnis zu lüften, dass sein Leben, und das vieler anderer, gehörig durcheinander bringen wird. Charly ist fasziniert davon, dass es Geschöpfe jenseits unserer Vorstellungskraft geben soll. Und als er den Gerüchten nachgeht, dass in der kleinen Hafenstadt Lyttleton Ware Hexen leben sollen, läuft er Gefahr, sich daran die Finger zu verbrennen.

Ausgerechnet in ihrem Hotel soll ein Hexenkongress stattfinden. Doch sein Vater will von alledem nichts wissen und überlässt den Moore Schwestern das Hotel zur Walpurgisnacht. Die Moore Schwestern schmieden an einem teuflischen Plan, den Kindern Neuseelands eine Lektion zu erteilen. Denn sie haben aufgehört, den Hexen Respekt entgegenzubringen. Das wollen die Schwestern nicht auf sich sitzen lassen. Eine Köstlichkeit soll zu Halloween auf den Markt gebracht werden, dem kein Kind widerstehen kann. Dadurch laufen die Kinder jedoch Gefahr, kugelrund und faul zu werden und nur Charly erkennt die Signale, doch niemand will auf seine Warnungen hören… Bis er eines Tages ein Geheimnis offenbart bekommt, dass lange gehütet worden war.

476 Seiten, empfohlenes Lesealter ab 10 Jahren

E-Book und Taschenbuch von Band I erscheinen am 30. April 2018

Leseprobe aus Band I - Die ersten 3 Kapitel

Tausende kleiner Vorbereitungen

Wann immer ein Bewohner Lyttletons ihnen auf der Straße begegnete oder ihnen eher zufällig über den Weg lief, kam erst gar nicht auf die Idee, den Schwestern auch nur irgendwelche geheimnisvollen Kräfte oder Fähigkeiten zuzusprechen, geschweige denn käme jemand auf die Idee, ihnen nachzusagen, sie wären gar des Zauberns mächtig — der Magie.

Und doch wurden sie hinter vorgehaltener Hand nicht selten Hexen genannt, wenn doch einmal etwas Magisches in unserer Stadt geschah.

Ja, schnell waren wir dabei, ausgerechnet sie dafür verantwortlich zu machen, wenn wir uns etwas Sonderbares nicht zu erklären vermochten. Die Kinder unserer Stadt machten sich oft einen Spaß daraus, ihnen ››Hexen, Hexen‹‹ hinterherzurufen, um dann am nächsten Morgen mit dicken Warzen mitten im Gesicht aufzuwachen — oder schlimmer noch, gar einem entstellten Gesicht!

Dann blieb den Eltern nur noch, den kleinen Laden Süßes oder Saures der Schwestern aufzusuchen, um sich dort mit einer Heilsalbe oder Tinktur einzudecken oder du konntest dir — vorausgesetzt natürlich, du bist mutig genug — dort deine Warzen auch besprechen lassen.

Eine alte Hexenkunst, die allmählich in Vergessenheit gerät, wie mir scheint! Ja, wir konnten wirklich viel über sie behaupten, doch was letztendlich der Wahrheit entsprach — der Realität — das wussten allein nur diese drei Frauen.

Doch vieles war uns schleierhaft. Allerdings getraute sich keiner, einfach mal zu ihnen zu gehen, um sie danach zu fragen, was es tatsächlich damit auf sich hatte, dass sie von allen Hexen genannt wurden, kräuterkundige Frauen, weise Alte … Für die meisten Bewohner Lyttletons waren die drei einfach nur suspekt!

Bislang war dieses Land, von dem ich dir jetzt erzählen will, nicht sonderlich in Erscheinung getreten, wenn wir einmal von der Berichterstattung über einen Erdrutsch, einen Ausbruch eines Geysirs im Vorgarten eines gewöhnlichen Hauses oder dem Milchlaster, der gleich drei Häuser durchbrach, absehen und uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Willkommen im beschaulichen und kleinen Hafenstädtchen, das versteckt in einer wunderbaren Bucht liegt, willkommen in Lyttleton, der geheimen Hauptstadt der Hexen in diesem Land, dass man auch Neuseeland nennt. Warum gerade Lyttleton zu einer Hochburg der Hexen im Südpazifischen Raum wurde, weiß heute niemand mehr so genau, wenn man ihn auf der Straße danach fragt. Auch der damit verbundene Zauber und die vielen außergewöhnlichen Dinge um uns herum gehörten längst einer Vergangenheit an, die so mancher Bewohner auch am liebsten gleich völlig aus seinem Gedächtnis streichen wollte.

Zwar gab es am Stadtrand noch immer den von drei Schwestern geführten Bioladen, in dem es mehr zu kaufen gab, als nur Salben, Kräutertinkturen und sonstige Wundermittelchen, doch an deren Magie wollte keiner mehr so recht glauben. Längst gehörten die drei Schwestern zum täglichen Stadtbild hinzu und keiner vermochte zu sagen, wann die drei eigentlich nach Lyttleton gezogen waren. Viele Bewohner tuschelten, wenn sie ihnen auf den Straßen begegneten, doch niemand hätte ihnen im Traum auch nur die geringsten Zauberfähigkeiten zugestanden oder sogar das Wort Hexe in den Mund genommen.

Für die meisten Menschen waren die drei Schwestern einfach nur skurril oder etwas sonderbar, auch wenn die beiden älteren Schwestern wohl schon ewig in dieser Stadt leben mussten, und man es nur widerwillig zugab, dass wohl mehr dran sein musste an den Gerüchten, die man sich natürlich nur hinter vorgehaltener Hand erzählte und bereits seit Generationen weitergab. Niemand wollte es laut aussprechen oder offen zugeben, dass in Lyttleton Hexen lebten.

Moira Grace, Elvira und die Jüngere von ihnen, Gillian, bewohnten schon seit ewigen Zeiten das alte viktorianische Haus am Stadtrand, dass sie liebevoll ihr Haus nannten. Dort hatten die Schwestern nach einigen Umbauarbeiten vor langer Zeit ihren Bioladen eröffnet, der allen Gerüchten zum Trotz zahlreiche Kundschaft anlockte. Dazu gehörten nicht nur die Einwohner Lyttletons, die zum größten Teil Fischer waren oder auch sonst wie mit dem Hafen verbunden waren — nein, die drei gingen mit der Zeit und vertrieben ihre selbst gemachten Produkte längst landesweit über das Internet. Selbst weitere Filialen waren in Planung. Auch viele ausländische Kunden konnten sie so bereits für sich und ihre Produkte gewinnen, und man sollte es daher doch annehmen können, dass die Schwestern glücklich und zufrieden waren, doch das waren sie keineswegs. Doch woran lag es nur, dass vor allem Moira Grace unzufrieden war, die als sogenannte Oberhexe oder auch Hexenrätin unter den anderen Hexen bestens bekannt war?

Sollte sie sich nicht vielmehr daran erfreuen, dass sie endlich einmal finanziell unabhängig waren und ausgesorgt hatten für den Rest ihrer Zeit? Nie mehr sollten sich die drei darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten oder die enorm hohen Telefon- und Stromkosten zu bezahlen. Vor allem die Telefonkosten waren in den letzten Jahren nach oben geschnellt, durch den stark anwachsenden Internetverkehr und die vielen Kundengespräche, in denen sie mit Rat und Tat jedem einzelnen weiterhalfen. Moira Grace schien jedoch todunglücklich mit dieser Situation zu sein, da man die drei Schwestern im 21. Jahrhundert nicht mehr als Hexen wahrnahm, sondern vielmehr als Lebensberaterin in schwierigen Situationen. Wie konnte das nur so aus den Fugen geraten? Waren die Menschen womöglich nicht mehr bereit, an Wunder und Zauber zu glauben? Wurden sie allen Ernstes nicht mehr als Hexen gesehen, anerkannt oder auch verflucht und gefürchtet für ihre Fähigkeiten?

»Das muss wohl am Puls der Zeit liegen«, sagte Elvira eines Abends, als sie gerade dabei waren, eine neue Tinktur gegen Warzen in Fläschchen abzufüllen. »Heutzutage gibt es ganz andere Menschen, vor denen die Leute Angst haben oder ihnen mit Ehrfurcht begegnen.«

»Aber wir waren doch schon immer Hexen«, seufzte Moira Grace, »daran kann doch auch die Zeit nichts ändern. Haben wir uns etwa derart hinreißen lassen, uns der Gesellschaft anzupassen, dass wir nicht weiter auffallen?«

»Wir sollten vielleicht öfters mal wieder unsere Macht demonstrieren. Viel zu lange haben wir schon darauf verzichtet, auf unseren Besen zu reiten oder Menschen mit einem Fluch zu belegen«, meinte Gillian, die Jüngste der Sippe.

»Ich weiß schon gar nicht mehr, wie schön das doch war, in einer Vollmondnacht den Sternen entgegen zu fliegen«, sagte Elvira und verpackte die Tinktur in einen schönen Karton, der für ihre Filiale in Dunedin bestimmt war.

»Wir müssen unbedingt etwas daran ändern«, stampfte Moira Grace laut mit ihrem Fuß auf dem hölzernen Fußboden auf, sodass sie die gesamte Aufmerksamkeit ihrer Schwestern auf sich zog. »Eine Versammlung sollten wir einberufen. So eine hatten wir schon seit vielen vielen Jahren nicht mehr.«

Gillian und Elvira erhoben sich vom Tisch, an dem sie zuvor noch saßen und blickten erwartungsvoll in die dunklen Augen ihrer Schwester, die so rabenschwarz waren, wie die finstere Nacht. Moira Grace holte einen goldfarbenen Schlüssel hervor, den sie stets an ihrer Halskette trug und hielt diesen für einen kurzen Augenblick andächtig mit ihren knorrigen Fingern empor.

Behutsam öffnete sie die kleine Schublade am Küchenbüffet, die beim Schieben laut knarzte und zum Vorschein kam ihr schwarzes, in Leder gebundenes Adressbuch, in das sie alle Hexen des Landes verzeichnet hatte, die dem weltweiten Hexenzirkel von Haglot angehörten.

Nur selten hatte Moira Grace auf dieses Buch zugreifen müssen. Doch nun war die Zeit gekommen, dass ihre Eintragungen wieder nützlich wurden. Beinahe jede Hexe, die etwas auf sich hielt, war darin verzeichnet und genoss die Vorteile des Hexenzirkels. Es gab nur etwa ein Dutzend sogenannter freier Hexen, um es höflich zu umschreiben, da sie nicht länger würdig waren, dem Zirkel anzugehören, die auf der ganzen Welt verstreut nichts von alledem wissen wollten. Sie verfolgten lieber ihre eigenen Ziele und hatten längst nicht die Probleme, die die drei Schwestern plagten, sowie den gesamten Rest dieser Brut.

Diese wenigen Aufsässigen, die sich nicht dem Zirkel angeschlossen hatten, wurden von den Menschen zweifellos noch als Hexen erkannt und angesehen, da sie wohl jegliches Klischee erfüllten: Sie lebten zumeist als Einsiedlerin am Stadtrand oder gar im Wald versteckt, abgeschieden von den anderen Bewohnern einer Stadt. Natürlich hatte diese auch stets eine schwarze Katze und den obligatorischen Besen griffbereit, wenn Fremde näherkamen, und auch waren diese Frauen nicht gerade von Schönheit gesegnet. Sie galten unter den Menschen noch als wahre Hexen und so vermutete auch keiner, dass es weit aus mehr von ihnen gab, die sich inzwischen ganz selbstverständlich unter die Gesellschaft gemischt hatten.

Für eine moderne Hexe war es längst schick, ein schönes Haus zu bewohnen, und einige von ihnen hatten sogar das Tabu gebrochen und eine Familie gegründet, was zweifellos mit zahlreichen Sorgen behaftet war. Diese modernen Hexen traf man nun verstärkt in Modeboutiquen oder auch in Werbeagenturen, Banken, Firmen und Gesellschaften an, von denen man nicht unbedingt ausging, dass sie ausgerechnet von einer Hexe geführt wurden. Doch auch die drei Schwestern hatten bereits vor vielen vielen Jahren den Zahn der Zeit erkannt und ihr Imperium der Schönheitssalben und Tinkturen gegründet. Sollte sich diese Entscheidung jetzt etwa für sie rächen?

»Also dann, meine lieben Schwestern«, sagte Moira Grace, als sie durch die vielen hundert Seiten ihres Büchleins blätterte, »lasst uns alle hierher einladen. Ja, lasst uns alle nach Lyttleton einladen und mit ihnen diese neue Zeit besprechen. Es wird Zeit für einen neuen Hexenkongress.«

Und wie der Zufall es wollte, donnerte es just in diesem Augenblick und Moira Grace erhob sich von ihrem Stuhl und streckte den rechten Zeigefinger, wodurch alle Kerzen in der düsteren Brodelküche des Hauses entzündet wurden wie von Geisterhand — wie typisch!

Ihre Augen funkelten diabolisch und auch ihre beiden Schwestern streckten ihre Hände in die Höhe und fieberten diesem Kongress entgegen. Die Küche erstrahlte im hellen Kerzenlicht und ein weiteres Donnergrollen war aus der Ferne zu hören.

»Nun gut, meine lieben Schwestern, es liegt noch reichlich Arbeit vor uns«, triumphierte Moira Grace und setzte sich wieder auf ihren mit dünnen, rotem Leder bezogenen Stuhl am Kopfende des langen Tisches. »Es müssen Einladungen geschrieben, ein passender Raum gefunden und alle sonstigen Vorbereitungen getroffen werden. Da liegt sehr viel Arbeit vor uns.«

»Ach, wie schön wäre es doch jetzt, einen Hänsel zu haben, der uns zur Hand ginge. Diese Zeiten sind ja leider ein für alle Mal vorbei«, meinte Elvira enttäuscht, »in denen wir uns noch an den leichtgläubigen Schülern Haglots bedienen konnten. Jetzt müssen wir wohl die gesamte Arbeit selbst verrichten.«

Zur Information möchte ich (der Autor dieser magischsten Saga aller Zeiten) anmerken, dass es selbst unter Hexen verpönt war, Zauber einzusetzen, wenn es darum ging, persönliche Einladungen zu schreiben, zumal diese ja für einen Hexenkongress bestimmt waren. Allerdings waren viele von ihnen derart versnobt, dass sie für jegliche Tätigkeit irgendwelche Zauber anwandten, und das war vielen ein Dorn im Auge.

So blieb den drei Schwestern nichts anderes übrig, als selbst tage- und wochenlang mit feiner Feder Einladungen zu schreiben. Nur wenige ihrer verbündeten Mitstreiter besaßen eine sichere E-Mail-Adresse und so verzichteten sie völlig darauf, auch auf elektronischem Wege zum Hexenkongress einzuladen. Viel zu gefährlich war diese Möglichkeit, die Mails hätten von Unbefugten abgefangen und gelesen werden können. Das wollten sie von vornherein ausschließen und so überließen sie es dem Internet, mit einigen neuen Versuchen, mit Würmern und Viren weltweit für neue Tumulte zu sorgen. Darin waren die Schwestern durchaus geübt und machten sich nicht selten einen Spaß daraus, andere Internet-User oder lästig gewordene Kunden zu ärgern. Es war eine Art Komprimierung ihres langweilig gewordenen Hexendaseins — nun ja, wer es braucht!

Gleich am nächsten Morgen machten sich die Schwestern daran, aus frisch geernteten Hanfpflanzen Papier zu schöpfen, so wie es das Handbuch der Hexen dafür vorsah. Jenes Buch beschrieb genauestens, was bei der Vorbereitung eines großen Hexenkongresses zu beachten war, und so benötigten die drei Schwestern allein für die Herstellung der Papiere und der Tinte mehrere Tage und Nächte. Für die Hexentinte mussten erst einmal zahlreiche frisch gefangene Frösche gemolken werden, aus deren Sekret die Schwestern dann die Grundlage ihrer ganz besonderen Tinte gewinnen konnten. Nur Frösche, die nach einer Vollmondnacht gefangen wurden, kamen dafür in Betracht und längst war nicht jeder Frosch für die Herstellung einer magischen Tinte geeignet. Es mussten schon die allerbesten Exemplare ihrer Art sein, um auch genügend Tinte für die vielen Hundert Einladungen in ausreichender Menge zu erhalten. Denn die angerührte Tinte musste für alle Schreibarbeiten gleichermaßen herhalten und durfte erst mit der letzten Zeile zu Ende gehen.

Nachdem Elvira und Gillian die Frösche zusammengetragen hatten, entstanden aus ihnen ein ganzes Fläschchen feinster Hexentinte, die sie nun dafür verwendeten, dass von Moira Grace hergestellte Hanfpapier zu beschriften. Mit frisch gerupften Gänsefedern, die an ihrer Spitze schräg angeschnitten wurden, um so die Tinte besser aufzunehmen, wurden die Einladungen liebevoll verfasst und mit dem Siegel des Hexenzirkels versehen. Das Geheimnis dieser Tinte bestand darin, dass die Schrift erst sichtbar wurde, wenn auch tatsächlich eine Hexe die entsprechende Einladung in ihren Händen hielt. So wurde gewährleistet, dass diese heikle Post nicht in die falschen Hände geriet, wenn einmal ein Brief verloren ging oder ein Briefträger all zu neugierig war und wissen wollte, was sich in den schönen Kuverts befand.

Elvira strahlte förmlich, als sie die letzte Einladung mit dem aller letzten Federstrich und dem letzten Rest der Hexentinte vollendet hatte. Ihre jüngere Schwester Gillian war nun mit der Aufgabe betraut, die sorgsam gestalteten Einladungen in ihre schon vorgefertigten Umschläge zu stecken, bevor Moira Grace diese dann mit schwarzem Siegelwachs verschloss und mit ihrem großen Hexenring versiegelte.

Natürlich hatten sie dazu die Umschläge mit einer anderen Tinte beschriftet, da sonst die vielen Briefträger des Landes ihre Probleme gehabt hätten, sie auch fristgerecht zuzustellen.

Nach drei langen Wochen eifriger Arbeit waren so alle Hexen des Zirkels mit einer persönlichen Einladung bedacht worden, und viele hunderte Hände öffneten fast zeitgleich ihre erhaltene Post. Überall im Land vernahmen die Hexen diesen Aufruf mit großer Begeisterung, sodass sie zugleich auch mit einem Antwortschreiben in höflichster Manier erwiderten, und so erhielten die drei Schwestern gleich säckeweise Post zurück.

Das kleine Postamt in Lyttleton hatte eigens für die Schwestern einen Korb bereitgestellt, in dem man täglich die Schreiben sammelte und Moira Grace höchstpersönlich nahm sie dann in den Folgetagen in Empfang. Nach einer weiteren Woche hatten sie dann alle Bestätigungen beisammen, und so wollte sich Elvira auch umgehend und das passende Rahmenprogramm kümmern.

Es musste ein großer Saal gefunden werden, am besten natürlich gleich in einem Hotel, in denen sie ihre Gäste auch unterbringen konnten. Die einzelnen Menüs an diesen Tagen mussten besprochen und vorbereitet werden, und auch ein angemessenes Freizeitprogramm sollte auf die Beine gestellt werden, da die moderne Hexe von heute längst nicht mehr nur damit zufrieden war, dass sie sich alle nach vielen vielen Jahren wieder einmal trafen. Die Hexen wollten ihre Zeit keineswegs nur auf den Hotelzimmern verbringen, mit der typischen Konversation und dem Austausch von Rezepten und Zauberformeln. Das war vor vielen Jahren vielleicht noch adäquat, doch auch sie hatten das einundzwanzigste Jahrhundert längst für sich entdeckt und somit auch alle Vorzüge dieser schnelllebigen Zeit. Auch wenn diese immer mehr am Antlitz der Hexen nagte.

Die Suche nach einem geeigneten Hotel gestaltete sich jedoch recht schwierig, da die Schwestern ihren Kongress eigentlich nicht weit von ihrem Haus entfernt abhalten wollten, doch die kleine Hafenstadt Lyttleton hatte neben ein paar privaten Pensionen und Ferienhäusern nicht allzu viele Unterkünfte anzubieten, die einer Hexe gerecht wurden.

So machte sich Elvira zusammen mit Gillian auf den Weg in die nächstgrößere Stadt, die gerade einmal eine Viertelstunde oder besser gesagt sieben Flugmeilen mit dem Hexenbesen von Lyttleton entfernt war. Da sie jedoch bei Tage unterwegs waren und keine allzu große Verwunderung auslösen wollten, entschlossen sich die beiden, ihr altes Auto für die Fahrt vorzuziehen. Es war ein uralter Ford aus den 1940er Jahren, der mit seinem schwarzen Lack und Lederinventar einer Hexe durchaus würdig war.

Zweifellos sollte sie das Gefährt sicher nach Christchurch bringen, und so luden die Schwestern eine hölzerne Kiste in den schmalen Kofferraum, um in der großen Stadt damit die Verhandlungspartner beschenken zu können — oder auch gefügig zu machen, wenn es denn nötig wäre. In dieser Kiste befanden sich wohlriechende Seifen, wie man sie auch in ihrem Laden kaufen konnte. Doch sie hatten für die eigens für die Verhandlungen vorgesehenen Seifen die Rezeptur leicht verändert.

Sollte sich damit eine Dame oder auch ein Herr waschen, der ihnen wohlgesonnen war, so duftete diese Herrschaft gar zauberhaft und der jeweilige Partner würde einem ganz besonderen Charme unterliegen, dem man nicht widerstehen konnte. Doch wehe dem, der nichts für die Pläne und Vorschläge der Schwestern übrig hatte: Diese Person sollte dann ihr blaues Wunder erleben, wenn sie dennoch diese Seife nutzte. Ihr ganzer Körper würde derart stark nach faulen Eiern riechen, dass ihre Liebsten sogleich Reißaus nehmen würden und erst nach einer Woche wiederkämen, wenn der Duft verflogen war — das aber nur geschah, wenn sie sich mindestens dreimal am Tag duschte.

Die Schwestern rechneten jedoch nicht damit, dass sie in irgendeiner Form auf Widerstand stießen oder gar Schwierigkeiten hätten, ihre Pläne nach Moira Grace genauestens vorgegebenen Wünsche einzufordern. Daher machten sie sich beschwingt auf die Reise und fuhren mit dem betagten Ford in das Stadtzentrum von Christchurch. Auf dem Heckfenster und den Türen war das Logo ihres Ladens aufgebracht und so erkannte der Parkwächter auch die beiden Frauen, als diese auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz waren. Aber auch das laute Getöse des betagten Motors konnte ein jeder schon von Weitem hören. Zudem zogen sie einen unwiderstehlichen Geruch hinter sich her.

»Selbstverständlich können Sie auf meinem Parkplatz parken«, meinte Roger, der Parkwächter und Eigentümer dieses Grundstücks, das nicht weit vom großen Marktplatz vor der Kathedrale entfernt lag. »Meine Frau hatte solch einen großen Erfolg mit Ihrer neuen Tinktur, dass ihre Warzen gleich noch in derselben Nacht verschwanden, als sie diese aufgetragen hat.« Böse Zungen behaupteten allerdings, dass die Hexen für diese Warzen verantwortlich waren und diese immer dann verteilten, wenn sie mit ihren Besen über die Dächer flogen. Doch dieses Gerücht konnte nie bewiesen werden, dass die drei Schwestern es sehr wohl verstanden, ihren Laden lukrativ und gewinnbringend für sich zu nutzen — aber das nur am Rande.

»Oh, das ist aber sehr nett von Ihnen, Roger«, lobte Elvira seine Hilfsbereitschaft und übergab ihm daher eine der kostbaren Seifen. »Darüber wird sich Ihre Frau sehr freuen. Legen Sie die Seife dazu einfach heute Abend neben ihr Waschbecken.«

»Vielen Dank, das weiß ich sehr zu schätzen«, sagte Roger und ließ das Seifenstück in seine Jackentasche verschwinden.

»Meine Frau liebt Ihre Seifen und schwört auf Ihre Produkte. Wie lange wollen Sie hier parken?«

»Bestimmt für mehrere Stunden«, kalkulierte Gillian und blickte dabei auf ihre Uhr. »Ist das möglich?«

»Für Sie beide immer. Ich werde Ihr Auto in der Zwischenzeit polieren und es wie meinen Augapfel hüten«, sagte Roger und übergab Elvira das entsprechende Parkticket. Elvira zückte bereits ihre lederne und aufgeblähte Geldbörse, um den Tagespreis von acht Dollar zu bezahlen, doch Roger lehnte es ab, für seine Dienste bezahlt zu werden.

»Nein, nicht doch«, sagte er charmant, »lassen Sie ihr Geld bitte stecken. Eine warzenfreie und wohlriechende Frau ist unbezahlbar.«

»Ach, wie recht Sie doch haben«, erwiderte Gillian und packte die Kiste mit den Seifen auf einen kleinen Trolley, so wie man diese auch von älteren Leuten her kennt, die damit ihre Einkäufe nach Hause bringen.

»Ist Ihnen diese Kiste auch nicht zu schwer?«, wollte der besorgte Roger wissen, aber Elvira winkte ab und meinte, dass sie ja noch keinen Rost angesetzt hätte.

Zielstrebig liefen die Schwestern auf eines der größeren Hotels der Stadt zu und verlangten dort den Manager zu sprechen. Der hoteleigene Portier wollte sie anfangs jedoch nicht einmal in die große Halle lassen, da sie mit ihrem Trolley aussahen, als würden sie gerade vom Supermarkt kommen, und eigens mitgebrachte Speisen waren in diesem Hotel verpönt.

»Aber meine Damen, wohin des Weges?«, stoppte sie der Portier und hinderte sie nachhaltig daran, ins Hotel zu gelangen.

»Was erlauben Sie sich?«, fauchte Elvira erbost zurück und wollte sofort den Manager sprechen. »Wir wollen hier zahlreiche Zimmer buchen«, fuhr sie fort und wedelte aufgeregt mit einem ganzen Batzen Geldscheine umher. »Sehen wir etwa wie Bettlerrinnen aus? Na und selbst wenn, ist der Gast in Ihrem Hause nicht immer noch König oder wie in unserem Fall die Königin?«

Gillian flüsterte ihrer Schwester zu, sie solle das viele Geld schleunigst wieder einstecken. Im einundzwanzigsten Jahrhundert sei es nicht mehr adäquat, mit Bargeld zu bezahlen. Jetzt würde man überall Plastikgeld in Form von Kreditkarten bevorzugen.

»Na dann, junger Mann, machen Sie schon Meldung und melden Sie uns bei ihrem Vorgesetzten an«, sagte Elvira mit leiser aber eindringlicher Stimme. »Wir wollen hier schließlich keine Wurzeln schlagen.«

Aufgeregt läutete der Portier im Büro des Managers und kündigte die beiden Frauen an, doch statt sie dorthin zu begleiten, ließ er sie mit dem Aufzug in den obersten Stock fahren. Gerade als sich die Tür des Aufzugs öffnete, kam ihnen auch schon der Manager entgegen und versuchte sich für das Malheur am Eingang zu entschuldigen.

»Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, doch diesen Portier haben wir noch nicht all zu lange«, verbeugte sich der Manager vor den Schwestern und gab den beiden einen Handkuss, so wie es bei Damen immer noch gern gesehen wurde.

»Ihr Portier wird wohl nicht mehr lange diese Position innehaben«, sagte Elvira und ließ es wie eine Selbsterfüllende Prophezeiung klingen, danach stellte sie sich und ihre Schwester angemessen vor.

Dem Manager kamen diese Namen zwar bekannt vor und so fragte er, ob nicht schon ihre Vorfahren Gäste des Hauses gewesen waren. Er selbst habe das Hotel erst vor wenigen Jahren von seinem Vater übernommen, und dieser zuvor von seinem Vater.

»Oh, wie reizend! Dann ist das Hotel noch immer im Familienbesitz, ja?«, freute sich Elvira darauf, dass sich wohl nur wenig an diesem Hotel verändert hatte. »Ganz recht«, erwiderte Mr Cutter, »das Hotel wird nach wie vor von unserer Familie geleitet, auch wenn wir schon seit Jahren einer japanischen Investor Gruppe angehören. Sie retteten einst unser Hotel vor dem Verfall, da vor vielen vielen Jahren ein großer Brand doch recht großen Schaden angerichtet hatte. Ohne ausländisches Kapital hätten wir damals das Hotel aufgeben und abreißen lassen müssen, da kamen uns die Japaner gerade recht. Aber bitte, setzen Sie sich doch«, forderte der Manager die Schwestern auf, als sie das geräumige Büro in der oberen Etage erreicht hatten. »Darf ich Ihnen etwas zu Trinken anbieten?«

Beschämt blickte Elvira auf den handgeknüpften blauen Orientteppich, mit dem das gesamte Zimmer ausgelegt war und hatte plötzlich Gewissensbisse. Nur allzu gut konnte sie sich daran erinnern, was damals der Auslöser des Feuers gewesen war. Vor fast genau fünfzig Jahren hatte Moira Grace zu einer Versammlung geladen.

Nein, nicht was ihr nun vielleicht denkt!

Es war natürlich keine schwarze Messe, sondern mehr eine Schau, womit die Hexen in der Neuzeit ihr Geld verdienten. Denn auch die Hexen benötigten immer öfter anerkannte Zahlungsmittel, um ihr Leben bestreiten zu können. Gold oder gar Geld zu zaubern, gelang keiner Hexe. Naja, um es kurz zu machen, jedenfalls verursachte ein elektrischer Hexenbesen damals einen Kurzen im Hotel und der rechte Flügel sowie der Festsaal brannten beinahe völlig aus. Da wurde allen anwesenden Hexen sehr schnell klar, dass nicht jede Neuerung Einzug in ihr Leben halten sollte, und man besann sich stattdessen wieder auf Altbewährtes.

Ein von Hand gemachter Strohbesen war ohnehin besser steuerbar, wenn man mit diesem über die Dächer der Städte flog, und dem ein oder anderen Schornstein oder Antennenmast ausweichen musste. Durch die Panik des Feuers flohen damals alle Hexen übereilt aus dem Land, ohne an den Besitzer des Hotels zu denken. Mit etwas Zauberei und Spucke hätte man das Hotel sicher wieder in seinen Ursprung versetzen können. Aber irgendwie war zu jener Zeit eine Hexe noch immer der Gefahr ausgesetzt, als solche erkannt und dann womöglich selbst verbrannt zu werden. Da zogen die Hexen die Flucht vor. Zum Glück war Moira Grace nicht selbst mitgekommen. Sie wäre wohl buchstäblich im Erdboden versunken — vor lauter Schuldgefühl. Ja, auch Hexen unterlagen den menschlichen Eigenschaften, mehr als es einigen Hexen lieb war.

»Tee«, schreckte Elvira auf, als der Manager des Hotels erneut nach ihrem Getränkewunsch fragte. »Tee bitte, mit reichlich Zucker und etwas Sahne.«

»Dem schließe ich mich gerne an«, äußerte auch Gillian ihren Wunsch.

»Fein«, sagte Mr Cutter und gab die Order über seine Sprechanlage weiter an seine Sekretärin.

»Womit kann ich Ihnen dienen, meine Damen? Es muss doch einen Grund geben, weshalb Sie mit mir sprechen wollen.«

»Durchaus«, begann Elvira zu erklären, »wir möchten ein gesamtes Hotel für eine Tagung mieten, und da erscheint uns Ihr Hotel der ideale Ort dafür zu sein.«

»Oh, eine Tagung? Nun, eine Tagung hatten wir schon lange nicht mehr«, freute sich Mr Cutter über die Wahl der Damen, denn eine solche Veranstaltung würde enorm viel Geld in die leeren Kassen spülen. »Was für eine Art Tagung ist es denn, wenn ich fragen darf?«

Elvira suchte nach den passenden Worten, doch Gillian kam ihr zuvor und meinte kurz und knapp: »Eine Tagung von Kosmetikerinnen. Wir wollen uns treffen, da wir neue Produkte auf den Markt bringen wollen.«

»Ja, genau, eine Schönheitstagung sozusagen«, lächelte Elvira und nippte an ihrer Teetasse, die ihr gerade von der Sekretärin gereicht worden war. Auch Gillian nahm ihre Teetasse entgegen und schlürfte an dem heißen Tee, bevor sie diese dann abstellte, da sie dem Manager zwei Seifen überreichen wollte.

»Probieren Sie doch einmal unsere neueste Kreation und vergessen Sie bitte nicht, eine dieser Seifen auch Ihrem Portier zu übergeben«, sagte Gillian und legte die beiden gleichen Seifenstücke auf den großen Schreibtisch des Managers.

»Oh, vielen Dank für diese nette Aufmerksamkeit, da wird sich jemand bestimmt darüber freuen«, sagte der Manager und nahm die Seifen an sich. Er legte sie vorerst neben sich an die Seite. »Wann wollen Sie das gesamte Hotel für ihre bevorstehende Tagung mieten und für wie viele Tage?«

»Nun, der nächstmögliche Termin wäre uns sehr willkommen, da die Zeit ein wenig drängt«, sagte Elvira und blätterte dabei in ihrem Terminkalender. »Der kommende Monat wäre superb für uns. Wir würden das Hotel gerne am letzten Freitag des Monats April haben wollen. Und dann für das gesamte Wochenende, wenn das für Sie machbar ist.«

»Lassen Sie mich mal eben nachsehen, in wie weit wir bereits Buchungen für diese Zeit vorliegen haben«, entschuldigte sich Mr Cutter höflich und warf einen längeren Blick auf seinen Monitor. Nach einigem Grübeln meinte er dann: »Sie haben wirklich Glück, meine Damen, an diesem Wochenende haben wir lediglich drei Buchungen, die wir aber auf ein anderes Hotel verlegen können.« Was der Manager allerdings verschwieg, war die Tatsache, dass das Hotel weitaus mehr Gäste an andere Hotels übergeben müsste, doch Mr Cutter schwieg darüber, dass er unbedingt diesen großen Auftrag für sein Hotel bekommen wollte.

»An was für ein Arrangement haben Sie dabei gedacht?«, wollte der Manager in Erfahrung bringen, da bei ihm das Dollarzeichen bereits in den Augen funkelte.

»Einen Augenblick«, meinte Elvira und holte die lange Liste, die Moira Grace eigens dafür angelegt hatte, aus ihrer Manteltasche hervor. »Das wären unsere Bedingungen. Selbstverständlich können Sie sich die Liste noch in aller Ruhe durchlesen und uns dann telefonisch Bescheid geben, wenn es Fragen zu den einzelnen Punkten geben sollte«, fuhr Elvira weiter fort und legte dem Manager die fast einen Meter lange Liste auf den Tisch. »Ich hoffe nur, Sie willigen unseren Forderungen ein, da wir möglichst schnell alles Weitere auf die Beine stellen wollen.«

Mr Cutter überflog flüchtig das ihm vorgelegte Papier und rollte es anschließend auf und legte es in die oberste Schublade seines Schreibtisches. Dann sagte er zu den Schwestern: »Es gibt nichts, was sich nicht irgendwie einrichten oder realisieren lässt. Geben Sie mir bitte einen Tag Zeit für meine Kalkulation, dann kann ich Ihnen ganz genau sagen, zu welchem Preis ich Ihnen unser Haus überlassen kann. Das sollte kein Problem mehr für Sie sein. Ihre Unterkunft und sonstigen Räumlichkeiten haben sie somit garantiert.«

»Wir sind Ihnen sehr dankbar für ihre großzügige Kooperation«, sagte Gillian und übergab dem Manager noch ihre Visitenkarte, damit er sie gleich morgen früh anrufen konnte.

»Ah, wie ich sehen kann, wohnen Sie in Lyttleton. Was für ein herrlicher Fleck Erde«, schwelgte Mr Cutter in Erinnerungen.

Den Schwestern, die daraufhin auch gleich wieder aufbrachen, lag es zwar auf der Zunge, näher auf eventuelle Erinnerungen einzugehen, doch sie zogen es vor, lieber weiterhin darüber zu schweigen, was diesem Mann und seiner Familie vor vielen Jahren widerfahren war. Es gab ja noch so viele Dinge zu tun und zu erledigen.

»Warten Sie, meine Damen, ich begleite Sie noch nach draußen.«

Gemeinsam fuhren sie mit dem betagten Lift in die Empfangsetage und liefen durch die große Halle in Richtung Straße. Die Tür wurde ihnen dabei vom Portier geöffnet, dessen Manieren äußerst fragwürdig waren.

»Ich wünsche Ihnen noch einen erfolgreichen und schönen Tag«, verabschiedete sich Mr Cutter von den Schwestern, die winkten und mit ihrem kleinen Trolley an der nächsten Kreuzung abgebogen. Händereibend stand der Manager auf den Stufen vor seinem Hotel und war sich siegessicher, ein großes Geschäft abgeschlossen zu haben. Wohlgelaunt ging er zurück zu seinem Portier, griff in seine Jackentasche und überreichte dem Rüpel eines der beiden Seifenstücke.

»Ich weiß zwar nicht, wofür Sie dieses Geschenk verdient haben, doch die beiden Damen bestanden darauf, dass auch Sie damit bedacht werden. Hier nehmen Sie!«

Verlegen griff der Portier nach dem Seifenstück und steckte es kommentarlos in seine Hosentasche. Nur zu einem Achselzucken gegenüber seinem Chef war er noch in der Lage, derart schämte er sich für seinen Fauxpas. »Dass mir das nicht noch einmal vorkommt«, sagte Mr Cutter recht deutlich, »wir brauchen Kundschaft wie diese Damen.«

Der Portier nickte betroffen und öffnete seinem Chef die Tür zum Hotel.

Elvira und Gillian kümmerten sich an diesem Tag noch bei einem Fuhrunternehmen darum, dass ein paar Transferbusse vom Flughafen zum Hotel die geladenen Gäste und ihr Gepäck transportieren sollten. Denn den Hexen war es nicht zumutbar, dass sie sich erst selbst um ein Taxi bei ihrer Ankunft bemühen mussten.

Einigen hätte es bestimmt nichts ausgemacht, auch auf ihrem Besen zum Hotel zu fliegen, doch man wollte es auf jeden Fall vermeiden, dass ihr geheimer Plan vorzeitig zum Scheitern verurteilt wurde, nur weil es ein Transportproblem geben könnte. All zu gerne erinnerte sich Elvira noch an das letzte große Treffen, bei denen unzählige schwarze Kutschen durch die ganze Stadt fuhren und es fast nicht genügend Pferde gab, um die Kutschen zu ziehen.

»Das war ein tolles Spektakel«, meinte sie zu Gillian, die damals noch nicht dem Hexenrat angehörte und stattdessen als Helferin eingesetzt worden war. »Hunderte Kutschen parkten vor dem Hotel und sorgten so bereits für mächtig Wirbel, obwohl wir ja stets darauf bedacht sind, unsere Treffen geheimzuhalten. Viel zu schrecklich ist die Vorstellung, jemand würde davon erfahren und uns allesamt mit einem Schlag vernichten wollen. Das dachten wir vor vielen vielen Jahren jedenfalls, als das große Feuer im Hotel ausbrach. Wir dachten, dass uns die Bevölkerung ein für allemal ausrotten wollte, und so flohen wir, ohne an die Folgen für das Hotel zu denken, in alle Himmelsrichtungen. Dabei lag die Schuld des Feuers einzig und allein an Agatha, die einen elektronischen Besen auf der Messe vorgestellt hatte. Naja, den Rest kennst du ja schon.«

»Aber was ist aus Agatha geworden?«, wollte Gillian wissen, da sie wusste, dass auch Agatha irgendwo in Neuseeland lebte.

»Seit diesem Vorfall haben wir sie aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen und du bist für sie in den Hexenrat nachgerückt. Agatha lebt heute sehr zurückgezogen außerhalb von Christchurch. Wo genau, weiß selbst ich nicht. Jedenfalls haben wir sie danach nie mehr gesehen und Moira Grace hat sie vollends von ihrer Liste und aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Sie wird also nicht zum großen Hexenkongress kommen. Das sollte dich aber nicht länger betrüben, meine liebe Schwester. Lass uns lieber nach Hause fahren und Moira Grace von unseren Erfolgen berichten.«

Da ihre Kiste ohnehin keine Seifenstücke für weitere Verhandlungen mehr hergab, beschlossen die beiden, ihre Erledigungen morgen früh fortzusetzen und liefen zurück zum Parkplatz. Dort wartete auch schon Roger auf sie und hatte, seinem Empfinden nach, eine gute Nachricht für die beiden.

»In Ihrer Abwesenheit habe ich meinen Kindern erlaubt, Ihre Scheiben zu putzen. Ich hoffe doch sehr, dass Sie nichts dagegen haben«, berichtete Roger und hielt den beiden Damen die Wagentür auf. Elvira überflog ein leichter Würgereiz und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Am liebsten hätte sie lauthals gebrüllt und den armen Roger ungespitzt in den Boden gestampft, doch dann zögerte sie und sagte nur: »Nun, was kann ich jetzt noch dagegen haben? Sie sollten aber in Zukunft vermeiden, dass Kinder unser Auto waschen. Sein Lack ist sehr empfindlich.«

»Ja, sein Lack ist sehr empfindlich«, wiederholte Gillian und startete den Wagen.

»Auf Wiedersehen, meine Damen«, verabschiedete sich Roger und die Schwestern winkten höflich mit der Hand. Im gleichen Augenblick brauste eine frische Brise durch die Stadt und am Himmel formten sich erste dunkle Wolken. Ein mächtiges Unwetter brodelte sich zusammen, dass von lautem Donner begleitet wurde, und Roger suchte Schutz in seinem Wärterhäuschen, das mit einem dünnen Wellblech bedeckt war.

Wie aus Eimern schüttete es plötzlich und Gillian schaltete die Scheibenwischer an. Zügig fuhren sie zurück nach Lyttleton, wo sie bereits von Moira Grace erwartet wurden.

»Sagt bloß, Kinder haben unseren Wagen berührt?«

»Schrecklich, nicht wahr. Jedenfalls ist er durch den Regen wieder sauber geworden«, sagte Elvira und stieg aus dem Auto aus.

Gillian parkte den Wagen in der Garage und nahm die leere Kiste zurück mit ins Haus.

»Wir brauchen unbedingt neue Seifen. Unser Vorrat ist erschöpft.«

»Na dann, nur gut, dass ich den Nachmittag dazu verwendet habe, neue Seifen herzustellen«, sagte Moira Grace und verwies auf ihre erbrachte Arbeit, die sie gerade in Begriff war, in schönes Seidenpapier einzuwickeln.

»War heute viel los in unserem Laden?«, fragte Elvira und stellte einen Kessel Teewasser auf den Herd.

»Gerade einmal sieben Kunden über den ganzen Tag verteilt, das ist eindeutig zu wenig. Eine junge Frau hat mich dann tatsächlich danach gefragt, ob ich ihr die Zukunft mit den Karten legen könnte.«

»Was hast du darauf erwidert?«, kicherte Gillian, die bereits ein wenig Gebäck für den Tee auf einen Teller gelegt hatte.

»Ganz einfach! Ich habe ihr gesagt, dass sie bei uns an der falschen Adresse sei. Doch sie solle lieber auf ihr vorbestimmtes Schicksal vertrauen und sich keine allzu großen Hoffnungen oder auch Sorgen machen. Sie würde ein schönes Leben haben, bla, bla, bla … Danach war sie zufrieden und hat sogar noch eine Kleinigkeit mitgenommen. Was denken die Leute nur von uns?«

»Ja, es wird wirklich Zeit, dass wir daran etwas ändern. Stell dir vor, meine liebe Moira Grace, nicht einmal gebührend empfangen werden wir heutzutage noch. Der Portier des Hotels wollte uns zuerst gar nicht reinlassen.«

»Habt ihr ihm wenigstens eine Seife zukommen lassen?«

»Aber ja doch«, kicherte Elvira und nahm den Kessel mit dem kochenden Wasser vom Herd.

»So, wie es ein jeder verdient!«

Auch die beiden anderen Schwestern mussten nun lauthals lachen, da sie ganz genau wussten, was dem armen Kerl bevorstand. Gemeinsam genossen sie danach ihren Nachmittagstee, so wie es schon seit ewigen Zeiten zum täglichen Prozedere dazugehörte.

Wohlschmeckender Kräutertee sowie die täglich frischgebackenen Ingwerkekse gehörten schon lange zu dem gut durchorganisierten Leben der drei Schwestern, und daher wurde ihr Laden auch stets pünktlich um siebzehn Uhr geschlossen, um allabendlich gesellig beisammen zu sitzen.

Bei dieser gemütlichen Runde besprachen die Schwestern dann ihre Pläne aber auch Wünsche, und so meisterten die drei ihr vorzügliches Leben, das aufs Beste zu funktionieren schien.

»Ist der neue Hotelmanager auf all unsere Forderungen eingegangen?«, wollte Moira Grace wissen, während sie genussvoll in ihren Ingwerkeks biss.

»Ich habe ihm die Liste mit unseren Wünschen vorgelegt. Er wird uns spätestens morgen früh darüber informieren, was wir dann für die Buchung zu bezahlen haben«, meinte Elvira und griff nach einem weiteren Keks.

Für Außenstehende sahen die Teestunden so aus, als würden sich hier feinste englische Damen zum Tee treffen und einen kleinen Plausch halten. Wer jedoch diese drei Schwestern etwas besser oder sogar näher kannte, der wusste allerdings, dass sie nicht selten etwas ausheckten oder gar schlimme Pläne schmiedeten. Doch dazu später mehr!

»Ich hoffe nur, dass der neue Manager nicht noch die alten Unterlagen besitzt«, befürchtete Gillian und tauchte ihren Keks in den Tee ein. »Er würde sonst bestimmt dahinterkommen, dass wir damals das Hotel für die Hexenmesse buchten.«

»Aber nein«, sagte Moira Grace erhaben. »Die Unterlagen sind mit dem Feuer vernichtet worden, da gehe ich jede Wette ein. Und außerdem hat unser Bruder dafür gesorgt, dass seine Erinnerungen gelöscht wurden.«

»Er konnte sich aber irgendwie an unsere Namen erinnern«, pflichtete Elvira bei und war etwas besorgt, »der Großvater könnte womöglich dem jungen Mann einige Geschichten von früher erzählt haben.«

»Na und wenn schon«, erwiderte Moira Grace, »welcher Mensch würde schon glauben, dass wir die Jahrzehnte überdauert haben, ohne erkennbar zu altern. Sicher kam ihm nur der Name bekannt vor, mehr haben wir da aber nicht zu befürchten. Ich freue mich schon darauf, wenn er uns morgen anruft und zu berichten weiß, welche sonderbare Wirkung die Seife auf ihn hatte. Konntet ihr denn auch den Transfer vom Flughafen bereits angemessen arrangieren?«

»Ja, für diesen Zweck konnten wir einen Busunternehmer begeistern, der seine Busse recht preiswert dafür zur Verfügung stellt. Kutschen hatte er leider keine einzige mehr, so wie du es eigentlich angedacht hattest«, sagte Gillian und überreichte Moira Grace das bereits schriftlich vorliegende Angebot des Busunternehmens.

»Ach, wie schade! Kutschen wären wirklich sehr schön gewesen, doch sei΄s drum! Hauptsache, unsere Freundinnen kommen bequem zum Hotel«, meinte Moira Grace und steckte den Zettel mit dem Angebot in einen besonderen Ordner, den sie eigens für das Treffen angelegt hatte. »Jetzt bleibt uns eigentlich nur noch, die Vorbereitung der Freizeitaktivitäten in Angriff zu nehmen, sowie die Zusammenstellung der einzelnen Menüs. Ludmilla aus Masterton hat sich bereit erklärt, dies in die Hand nehmen zu wollen. Sie leitet schon seit Jahren einen sehr erfolgreichen Catering-Service in Masterton und hat mir eine Liste der Zutaten zugesandt. Wir müssen also dafür Sorge tragen, dass wir alles beschaffen, was sie benötigt. Notfalls müssen wir das eine oder andere Kraut dann noch selbst frisch besorgen, wenn die Händlerin in der Stadt diese nicht vorrätig hat. Bitte denkt daran, wenn ihr morgen die Händlerin aufsucht, auch wieder großzügig Seifen auszugeben.«

»Sicher, liebe Schwester! Was wären wir nur ohne unsere Seifen«, kicherte Elvira und ging zusammen mit Gillian in den Laden, um dort die Regale für den morgigen Tag aufzufüllen.

Moira Grace hingegen studierte in ihrem Buch der Schatten und setzte sich dazu in ihren geliebten Schaukelstuhl am Fenster der großen Küche. Von dort aus überblickte sie die gesamte Hafenpromenade und genoss das beschauliche Treiben vor ihrer Haustür.

In den Abendstunden probierten die drei Schwestern einige neue Rezepturen sowie Zauberformeln aus. Dafür standen sie um den großen Kupferkessel herum, der sich am hinteren Ende der Küche befand, und reichten sich gegenseitig die Zutaten, da sie eine Art erfrischende Limonade brauen wollten. Etwas ganz Besonderes musste für ihren scheußlichen Plan gefunden werden — etwas, dass alle Kinder sofort mit großer Begeisterung liebten aber vor allem auch verzehren würden.

Für die Entwicklung, Produktion und landesweite Verteilung hatten die drei Schwestern gerade einmal noch ein halbes Jahr Zeit. Da war es mehr als ratsam, einen großen Hexenkongress einzuberufen, da viele Hexen in den letzten Jahren bedeutende Positionen eingenommen hatten, und durch neue Erkenntnisse und Fähigkeiten ihren Teil zum Gelingen dieses schrecklichen Planes beitragen sollten.

Längst war es gar nicht mehr so einfach, mit einem Zauber für Verwirrung oder Aufsehen zu sorgen, doch genau dies sollte ihr gemeinsames Ziel sein. Die Menschen sollten sie wieder als das wahrnehmen, was sie waren: Hexen. Gefürchtete Hexen. Aber sie wollten auch wieder Beachtung ernten. Viel zu lange hatten die Hexen bereits darauf gewartet, und alle hatten es derart satt, in der Gesellschaft völlig unterzugehen. Sei es nun als skurrile Ladeninhaberin, begeisterte Köchin eines Catering, oder einfach nur als die freundliche Dame von nebenan, die wohl niemandem etwas zuleide tun konnte.

Doch genau diese Damen legten bei Dunkelheit ihre gesellschaftsfähige Maskerade ab, verkrochen sich in ihre Kämmerlein und sponnen Pläne oder brauten übel riechende Suppen, mit denen sie großes Unheil anrichten konnten. Wohlwissend ihrer Wirkungen, füllten diese Hexen ihre Zaubertränke, gebrauten Suppen und Säfte ab und stellten diese ab und an vor die Haustüren nichts ahnender Menschen, die diese Flaschen an sich nahmen und sich einverleibten, ohne auch nur über die Konsequenzen nachzudenken, was es sein könnte oder von wem diese Flaschen kamen. Die Hexen machten sich oft einen Spaß daraus, das so entstandene Leid aus der Ferne heraus zu beobachten, um somit ein klein wenig Unterhaltung in ihr oft tristes Leben zu bringen.

Dabei war es ihnen egal, welches Unheil sie über die jeweilige Person brachten, und auch vor Kindern schreckten sie nicht länger zurück. Kinder waren sogar ihre bevorzugten Opfer, und das hatte ganz besondere Gründe: Haglot!

Eine besondere Spezialität waren da ihre Warzen- und Fleckenflüge, die sie auf ihren Besen über die Stadtdächer fliegen ließen. Wann immer die Hexen oft wahllos über die Häuser flogen, wachten die Kinder am darauffolgenden Morgen mit gar grässlichen Warzen an Fingern und Füßen auf oder hatten große rote Flecken auf dem gesamten Körper, die erst nach Wochen wieder verschwanden. Die Hexen belustigen sich an diesem Leid, bis Moira Grace eines Tages forderte, dass man dieses Treiben doch auch konstruktiver einsetzen könnte. Von da an wurden diese Flüge nur noch zugelassen, wenn sie einem von Hexen geführten Geschäft Profit versprach.

Nun ratet doch mal, warum gerade die Warzensalbe der Schwestern so erfolgreich war und zu einem regelrechten Verkaufsschlager wurde. Hexen verdienen schließlich Geld mit ihren Mittelchen, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nun wieder zurück zum Geschehen im Moorehaus, nachdem der nächtliche Ausflug der Schwestern ein Ende fand.

Hier kommt Charly

Der neue Tag war mit jeder Menge Arbeit verbunden. Moira Grace fertigte eine Liste für ihre Schwestern an, die sie abzuarbeiten hatten. Sie selbst wollte im Laden bleiben und sich um die Kundschaft kümmern, die an diesem Morgen wieder recht zahlreich nach allen möglichen Salben und Tinkturen fragten. Der gestrige nächtliche Ausflug der Schwestern hatte also mal wieder Wirkung gezeigt und ließ die Kasse des Ladens im Zehn-Minuten-Takt klingeln.

Schnell waren die Vorräte um die Hälfte geschrumpft und Moira Grace würde den späteren Nachmittag dazu verwenden, die leeren Regale mit frischen Produkten aufzufüllen. Dazu hatten sie in der vergangenen Nacht ja noch so manches Süppchen gekocht und in ihre Gefäße gefüllt.

Mit dem alten Ford fuhren Elvira und Gillian die Liste ab und konnten nach und nach alle Vorbereitungen darauf abhaken. Lediglich einige Zutaten konnten sie beim besten Willen nicht bei der Händlerin in der Stadt bekommen und so hieß es, in den kommenden Nächten selber tätig zu werden, um diese zu suchen. Doch das versprach erneut jede Menge Spaß, da sie diese Aufgaben auf ihren Besen meistern wollten. Am späten Nachmittag rief dann auch der junge Hotelmanager im Moorehaus an und bestätigte Moira Grace die dreitägige Buchung für das komplette Hotel. Alle geforderten Wünsche seien für ihn kein Problem und er würde ihr gleich noch einen Boten schicken, der die nötigen Unterlagen brächte.

Er würde es jedoch sehr begrüßen, wenn sie dann noch einmal im Laufe der Woche eine fünfzigprozentige Anzahlung leisten könnte, und zudem würde er Moira Grace gern persönlich kennen lernen, da sie doch eine solch gute Kundin sei.

»Sehr gerne«, sagte Moira Grace und freute sich bereits darauf, dem Sprössling der Hotelfamilie zu begegnen, der bei ihrem letzten Zusammentreffen vor vielen vielen Jahren gerade ein kleiner Bub von sieben Jahren gewesen war.

Ob er sich wohl noch an mich erinnern kann? Aber nein, dachte Moira Grace, das ist viel zu lange her und sein Vater ist bereits gestorben — und mit ihm hoffentlich auch alle bösen Erinnerungen an die Vorfälle der letzten Jahre. Ich hoffe, er hat sie allesamt mit ins Grab genommen.

***

Ein etwa zehnjähriger Junge betrat den Laden in Lyttleton und Moira Grace hatte sehr damit zu kämpfen, sich nicht gleich auf der Stelle zu übergeben. Sie hasste Kinder durch und durch und noch viel mehr, wenn sie ohne ihre Eltern den Laden betraten. Vorzugsweise schätzte sie Kunden, die ihre Plagegeister nicht erst mit in den Laden brachten. Diese hatten hier nichts verloren. Doch der Junge ging zielstrebig auf sie zu und reichte ihr die Hand.

»Hallo, ich bin Charly. Mein Vater schickt mich. Ich soll Ihnen Unterlagen bringen.«

»Ach ja, welche Unterlagen?«, fauchte Moira Grace und hatte große Mühe, ihren Würgereiz zu unterdrücken. Für sie hatten Kinder schon immer einen Geruch an sich haften, den sie partout nicht ausstehen konnte.

»Na, die vom Hotel«, meinte Charly und wunderte sich, warum Moira Grace ihm nicht die Hand zur Begrüßung reichte.

»Mein Vater ist der Manager des Hotels.«

»So, so«, meinte Moira Grace und inspizierte diesen schmächtigen kleinen Kerl von Kopf bis Fuß. »Lege die Unterlagen bitte auf den Tresen. Ich werde sie mir dann später durchschauen.«

Charly befolgte diese Aufforderung und legte den Umschlag mit den Unterlagen vor Moira Grace auf den Tresen ab. »Mein Vater freut sich bereits sehr, Sie kennen lernen zu dürfen. Darf ich ihm ausrichten, wann Sie zu ihm kommen wollen?«

Moira Grace ging einen Schritt zurück und sagte dann etwas aufgeregt: »Sage deinem Vater bitte, dass ich am Freitagvormittag, so gegen elf Uhr, zu ihm kommen werde. Machst du das bitte.«

»Aber ja doch«, erwiderte Charly und schaute sich in dem kleinen Laden etwas genauer um.

»Musst du denn nicht wieder gehen? Hast du nicht noch mehr Botengänge zu erledigen?«, wollte Moira Grace ihren ungeliebten Gast so schnell wie möglich wieder loswerden und deutete auf die Ladentür mit der Aufschrift Süßes oder Saures.

»Einen interessanten Laden haben Sie hier«, sagte Charly und schaute sich ein paar Fläschchen näher an. »Was genau verkaufen Sie eigentlich hier?«

»Kosmetik für die Schönheit«, stammelte Moira Grace, »also nichts, was dich interessieren könnte, mein kleiner Fratz.« Um Charly möglichst schnell aus dem Laden zu bekommen, stellte Moira Grace dem Jungen eine Flasche Limonade sowie einen Brownie auf den Tresen und sagte: »Hier ist eine kleine Erfrischung und Stärkung für dich. Nimm sie mit und richte deinem Vater bitte Grüße von mir aus.«

Charly nahm die grüne Flasche an sich und verabschiedete sich höflichst und bedankte sich für das spendierte Getränk.

»Auf Wiedersehen!«

»Besser nicht, du kleiner Wurm«, murmelte Moira Grace, als sie die Ladentür hinter Charly wieder in das Schloss fallen ließ.

Sekunden lang stand Moira Grace wie angewurzelt da und zog sich dann erst ein paar schwarze Handschuhe über, um den Umschlag unter ihrer Kasse in eine Schublade zu legen. Danach griff sie nach einem Staubwedel und säuberte jede einzelne Fläche, die der Junge mit seinen Pfoten berührt hatte.

Furchtbar, diese Kinder!

Alles müssen die anfassen oder in ihre Hände nehmen!

Die Ladentür öffnete sich erneut und zwei junge Frauen kamen herein. Von der einen auf die nächste Sekunde strahlte Moira Grace wieder und legte ihr wohlbekanntes Lächeln auf.

Schließlich hatte sie Kundschaft. Zahlende Kundschaft.

»Womit kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte Moira Grace die beiden Frauen, die wohl zuvor noch nie in ihrem Laden gewesen waren. Schüchtern und etwas leise fragten die Frauen nach einem Mittelchen, dass ihre Zeolithe mindern könnte, da sie am Wochenende mit Freunden an den Strand gehen wollten und sie sich ihrer welligen Hüften und Oberschenkel schämten.

»Da kann Ihnen geholfen werden«, sagte Moira Grace und holte eine Dose aus einen der oberen Regale hervor. »Unsere weibliche Kundschaft schwört auf diese Creme«, sagte Moira Grace und öffnete die Dose, sodass die beiden Frauen daran riechen konnten.

Doch die schreckten zurück, als sie den strengen Duft der Creme vernahmen und wollten schon ablehnen.

»Lassen Sie sich nicht von dem Duft abschrecken, diese Creme bewirkt wahre Wunder«, meinte Moira Grace und nahm eine etwa walnussgroße Menge auf ihre knorrigen Finger und verteilte sie auf den Oberschenkel einer der beiden Frauen.

»Schau doch nur, Sara, wie schnell sie einzieht«, war die Frau verblüfft und strich mit ihrer Hand über die soeben behandelte Stelle. Diese war derart glatt und zart, dass die Frauen nicht länger zögerten und sich für dieses Produkt begeisterten.

Neben dieser Creme kauften sie noch eine Tinktur gegen spröde Fingernägel und waren von dem reichhaltigen Angebot des Ladens sehr angetan.

»Stellen Sie diese Produkte selber her?«, wollten die Frauen wissen und zahlten nur zu gern den horrenden Preis für ihre Schönheit.

»Gewiss. Nach alten Familienrezepten«, sagte Moira Grace hocherfreut über diesen neuen Kundenfang. »Ich lege Ihnen noch ein paar Proben bei. Glauben Sie mir, Sie werden begeistert sein.«

»Oh ja, davon sind wir überzeugt«, sagten die beiden Frauen wie aus einem Mund und verabschiedeten sich kurz darauf mit den Worten: »Von nun an können Sie uns zu ihren Kunden zählen.«

»Bitte empfehlen Sie uns weiter. Besten Dank für Ihren Einkauf!«

Natürlich würden auch diese beiden Frauen von nun an zu ihren Stammkunden gehören. Denn einmal eine Hexensalbe aufgetragen, konnte man gar nicht anders, da der Körper immer wieder nach diesen Produkten verlangte. Würde man so manches Hexengebräu einfach absetzen, würden die Beschwerden um ein Vielfaches verstärkt zurückkehren. Diesen Preis mussten die fast ausschließlich weiblichen Kunden für ihre vorübergehende Schönheit in Kauf nehmen.

Denn auch die Schönheit war und ist nur ein leicht vergängliches Gut, dass man mit allerlei List versucht, zu erhalten oder hinauszuzögern. Gerade die Eitelkeit der Menschen machten sich die Moore Schwestern zunutze und brachten immer wieder neue Produkte auf den Markt.

Welche Frau wollte schon nicht schön sein, um ihrem Mann oder der Gesellschaft zu gefallen? Noch vor einigen Jahren reichten Wasser und Seife völlig aus, um seinen Körper ausreichend zu pflegen, doch die Ansprüche wuchsen immer mehr und so klingelte es in der Kasse der geschäftstüchtigen Hexen überall auf dieser Welt.

Pünktlich zur Teatime kamen auch Elvira und Gillian von ihren Erledigungen aus der Stadt zurück und hatten jede Menge zu berichten. Moira Grace hatte gerade köstliche Ingwerkekse aus dem Ofen geholt, der Duft hatte sich im gesamten Haus verteilt, als die beiden Schwestern zur Haustür hereinkamen und jede Menge Vorräte in die Küche brachten.

»Stell dir vor, Moira Grace, es gibt kaum noch eine Händlerin in der Stadt, die wirklich frische Produkte anbietet«, schimpfte Elvira und stellte einen Karton getrockneter Chilischoten in die Vorratskammer. »Vieles wird heutzutage nur noch in Dosen angeboten und keiner kann einem so recht sagen, was da eigentlich an Zusätzen, Konservierungsstoffen oder Farbstoffen drin ist. Wir werden einiges erst kurz vor dem Kongress frisch beschaffen müssen, denn mich bekommt keiner dazu, eine Konservendose zu kaufen, geschweige denn ihren Inhalt zu essen.«

»Recht so, liebe Schwester«, meinte Moira Grace und war froh, dass ihre jüngeren Schwestern an alten Prinzipien festhielten, trotz der rasanten Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

»Es gibt wohl nichts Besseres, als den eigenen Garten oder den der anderen«, sagte Gillian und stellte Teewasser auf. »Hattest du einen schönen Tag?«

»Oh, stellt euch vor«, berichtete Moira Grace und setzte sich an den Küchentisch. »Mr Cutter hat mir heute doch tatsächlich seinen Sohn als Boten gesandt. Der Bengel hatte doch wahrhaftig den Mut aufgebracht, unseren Laden zu betreten.«

»Er hat dich doch nicht etwa berührt, oder doch?«

»Aber nein! Der Junge hat uns lediglich die Unterlagen für die Buchung vorbeigebracht. Aber dieser Junge scheint mir sehr neugierig zu sein. Ich werde am Freitag dann selbst in die Stadt fahren, um eine Anzahlung zu leisten, darauf besteht der gute Mann. Ansonsten ist er uns mit jedem Wunsch und Vorstellung entgegengekommen. Er hat sogar akzeptiert, dass wir das hoteleigene Personal mit unseren Leuten austauschen wollen.«

»Das ist so auch viel sicherer«, meinte Gillian und gab etwas Kräutermischung in das Teewasser. »Beim letzten Mal gab es einfach viel zu viele Pannen durch das übereifrige und neugierige Hotelpersonal. Ach, ich will am liebsten gar nicht mehr daran denken, was passiert wäre, wenn wir damals erkannt worden wären. In diesem Jahrhundert hätte man uns bestimmt sofort auf dem Scheiterhaufen verbrannt.«

»Ganz bestimmt sogar«, lächelte Moira Grace und genoss einen ihrer frisch gebackenen Ingwerkekse. »Heutzutage sind wir glücklicherweise in einer besseren Lage und die Menschen verfolgen stattdessen andere Monster. Haben wir noch genügend Seifen für den Freitag, wenn ich in die Stadt fahren werde?«

»Die sollten dir reichen, liebe Schwester. Wie bist du diesen Bengel bloß wieder losgeworden? Du hast ihn doch nicht etwa in unserem Keller eingesperrt?«, fragte Elvira und freute sich insgeheim schon auf einen Festschmaus.

»Aber nein, Mr Cutter hätte ihn doch gleich vermisst und bestimmt bei uns zuerst suchen lassen«, sagte Moira Grace, »aber ich habe ihm eine unserer Limonaden zum Probieren mitgegeben. Ich bin schon jetzt gespannt, wie der Junge darauf reagieren wird.«

»Wir müssen unbedingt etwas entwickeln, dass alle Kinder gleichermaßen mögen, wenn wir an Halloween zuschlagen wollen«, warf Gillian ein und hatte bereits einige Vorstellungen, wie das geschehen sollte.

»Lasst uns den Kongress abwarten, da werden sicherlich viele Ideen zusammenkommen«, sagte Elvira und Moira Grace pflichtete ihr durch ein Kopfnicken bei, »schließlich wollen wir ja auch hören, was unsere geschätzten Mitstreiterinnen diesbezüglich zu sagen haben.«

***

In den darauffolgenden Nächten machten sich die Moore Schwestern auf ihren Hexenbesen auf, da nicht alle Kräuter und Zutaten für die festlichen Menüs in ihrem heimischen Garten wuchsen. Säckeweise wurde so die gesamte Südinsel abgesucht, bis sie alles zusammengetragen hatten, und für Ludmilla aus Masterton schon einiges vorbereiten konnten. Manchmal waren die Schwestern derart schwer beladen, dass sie sehr niedrig über die vielen Häuser flogen und manchmal sogar den Dachstuhl oder den Schornstein mit ihren Besen streiften. Diese Reisen nutzten sie dann auch gleich, um ihre neuen Werbezettel auf der Insel zu verteilen. Wann immer sie ein Dach besonders stark streiften, legte eine von ihnen einen Werbezettel und manchmal sogar auch gleich eine kleine Probe in den Briefkasten.

Eines musste man den Schwestern lassen: Geschäftstüchtig waren sie allemal! Manchmal geschah es aber auch, dass nächtliche Fußgänger seltsame Schatten sahen oder die Schwestern selbst, wie sie vom schwachen Mondlicht erleuchtet durch den Nachthimmel zogen. Doch diese Passanten schüttelten zumeist nur heftig den Kopf und meinten, dass sie einem Trugbild oder ihrer Fantasie aufgesessen waren. Wer hätte diesen Menschen auch schon Glauben geschenkt, wenn sie behauptet hätten, dass sie drei Hexen auf ihren Besen gesehen hatten? Sie wären schnell als irre abgestempelt worden und so schwiegen sie lieber, auch wenn manchmal nächtelang darüber nachgegrübelt wurde, ob sie nicht eventuell doch etwas über ihre Sichtungen berichten sollten.

Und ein Haus hätten die Schwestern besser meiden sollen. Denn dort wohnte eine Person, die dem wilden Treiben längst auf der Spur war. Doch dazu später mehr.

Am Freitagmorgen machte sich Moira Grace höchstpersönlich auf den Weg in die Stadt, und ihre Schwestern kümmerten sich währenddessen gemeinsam um den Laden und die zahlreichen Bestellungen, die aus dem ganzen Land gekommen waren. Schon seit einigen Tagen war ein regelrechter Hype ausgebrochen und es verging keine Viertelstunde, in der nicht wenigstens eine Kundin ihren Laden betrat — von den zahlreichen Päckchen, die sie auszuliefern hatten, ganz zu schweigen.

Mit dem Postamt von Lyttleton hatten sie vereinbart, dass jeden Nachmittag ein Postbote die Unmengen an Bestellungen abholen sollte, sodass diese noch am gleichen Tag auf den Weg zu ihren Kunden kamen. Diese Möglichkeit hatten sie noch nie zuvor in Anspruch genommen und waren schier begeistert, wie reibungslos das funktionierte und wie rasant sich alles entwickelte.

Die Schwestern hatten bereits Sorge, dass sie gar nicht mehr damit hinterherkämen, die Regale des Ladens aufzufüllen. Daher lag der Gedanke nahe, sich eventuell doch eine Gehilfin anzuschaffen. Heute Abend wollten sie Moira Grace darauf ansprechen. Elvira und Gillian hielten es jedenfalls für eine gute Idee, obwohl Moira Grace immer ihre Bedenken hatte, jemand Fremdes im Haus zu haben.

Kurz vor elf Uhr parkte Moira Grace den alten Ford direkt vor dem Hotel und hoffte darauf, dass dieser dort stehen bleiben konnte. Mit eiligen Schritten lief sie die wenigen Stufen hinauf und hatte eigentlich gehofft, den Portier anzutreffen, doch es gab an diesem Morgen weder einen Portier noch sonst jemanden, der sich um ihr Auto hätte kümmern können.

Leicht verwundert lief sie auf den Empfang zu, wo ein nettes junges Fräulein die Post der Gäste sortierte und Moira Grace erst gar nicht bemerkte. Moira Grace tippte mit ihrer linken Hand auf die hotelübliche Glocke und das Fräulein drehte sich auf den Fersen zu ihr um. »Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich habe gar nicht bemerkt, dass jemand zur Tür hereingekommen ist. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich bin mit dem Manager des Hotels verabredet. Bitte melden Sie Moira Grace Moore aus Lyttleton bei ihm an«, sagte sie höflich und ließ ihre Blicke durch die große Hotelhalle wandern. Es hatte sich kaum etwas verändert an diesem Hotel. Noch immer hatte es diesen ganz besonderen Charme, den Moira Grace schon immer sehr zu schätzen wusste.

»Sie können dort drüben auf dem Sofa warten, meine Dame«, sagte das nette Fräulein und deutete auf eine Polsterecke, die nur unweit vom Lift entfernt war. »Sie werden gleich empfangen. Darf ich Ihnen vielleicht etwas zu Trinken bringen?«

»Ach nein, besser nicht. Ich muss bestimmt nicht lange warten«, sagte Moira Grace und setzt sich auf das weiche Sofa, sodass sie den Lift, aber auch die große Treppe, stets im Auge behielt. Aber auch wenn sie länger hätte warten müssen, Moira Grace hätte nie etwas von Fremden entgegengenommen, nicht einmal ein Glas Wasser. Denn viel zu oft hatte man in der Vergangenheit bereits versucht, sie zu vergiften, um damit den Hexenzirkel zu zerschlagen. Sie musste also stets auf der Hut sein, wenn sie sich allein unter Fremden befand.

Doch in diesem Hotel fühlte sie sich pudelwohl. Zahlreiche Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf, als sie minutenlang darauf wartete, von Mr Cutter begrüßt zu werden. Endlich — nach geschlagenen dreizehn Minuten — kam die Sekretärin aus dem Lift geschossen und lief auf Moira Grace zu.

»Sie müssen Mrs Moore sein.«

»Aber. Aber! Nennen Sie mich doch bitte Moira Grace.«

»Natürlich, wie Sie wünschen. Folgen Sie mir bitte! Mr Cutter erwartet Sie bereits in seinem Büro.«

Gemeinsam fuhren sie wortkarg aber mit einem Lächeln auf den Lippen in das oberste Stockwerk, und die Sekretärin wies ihr den Weg ins Büro und fragte, ob sie vielleicht etwas zu Trinken bringen könne. Das Büro lag am Ende des langen Korridors. Doch auch hier wieder die gleiche Reaktion.

»Vorerst möchte ich nichts trinken, Dankeschön!«

Die Sekretärin öffnete die große hölzerne Doppeltür zum Büro des Managers und verschwand nach dem Eintreten in das Nebenzimmer auf der linken Seite. Nun war Moira Grace und der Manager allein in diesem Zimmer — das dachte sie jedenfalls und wollte bereits ihre schwarzen Handschuhe von den Händen ziehen.

Doch plötzlich hielt Moira Grace inne und behielt ihre Handschuhe vorerst noch an, da sie in einer Ecke den Sohn des Managers auf einem kleinen ledernen Sofa liegend sah. Dieser sprang sogleich auf und wollte ihr zur Begrüßung wieder einmal die Hand reichen. Nur widerwillig reichte sie Charly die rechte Hand, nur geschützt von dem zarten schwarzen Handschuh.

Charly griff ordentlich zu und sagte: »Einen schönen guten Morgen wünsche ich Ihnen.«

Beherzt und mit einem aufgesetzten Lächeln erwiderte Moira Grace: »Auch dir wünsche ich einen schönen Tag. Aber solltest du nicht besser in der Schule sein?«

»Charly fühlt sich heute nicht sehr wohl, da hilft er mir ein wenig im Hotel, um Abwechslung zu haben«, sagte Mr Cutter und streckte nun selbst Moira Grace die Hand entgegen. »Zuhause wird ihm allzu schnell langweilig. Mein Charly ist ein sehr wissbegieriger Junge.«

Moira Grace rümpfte die Nase, zog sich den Handschuh aus und reichte dem Manager nun die bloße Hand: »Guten Tag!«

»Nehmen Sie doch bitte Platz«, forderte Mr Cutter Moira Grace auf, die sich daraufhin geradezu graziös in den Sessel vor dem Schreibtisch niederließ. »Ich hoffe doch sehr, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit ist. Gibt es irgendetwas, was noch geklärt werden muss?«

»Soweit ist alles in bester Ordnung«, sagte Moira Grace und vermied, auch nur einen Blick auf Charly zu werfen, der sich auf den Stuhl neben sie gesetzt hatte — wie unhöflich, empfand Moira Grace. »Ich werde dann noch einmal im Laufe der Woche vor dem Kon… der Tagung zu Ihnen kommen, um alles Weitere zu besprechen. Hier haben Sie die unterzeichneten Unterlagen zurück. Haben Sie vielen Dank für die rasche Bearbeitung.«

»Das wird alles Bestens gelingen. Haben Sie denn auch an die Anzahlung gedacht?«, wollte Mr Cutter in Erfahrung bringen und schaute seinen Sohn sonderbar komisch dabei an, da er sich über die Zurückhaltung der Dame wunderte.

»Bevorzugen Sie Barzahlung oder wollen Sie stattdessen lieber meine Kreditkarte belasten?«

»Nun, bei solch einer hohen Summe wäre mir ehrlich gesagt eine Barzahlung lieber, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Aber nein, das befürworte ich sogar«, sagte Moira Grace und griff langsam in ihre Handtasche. Sie holte eine große Rolle Geldscheine hervor und Charly verschlug es die Sprache, da er noch nie zuvor in seinem Leben derart viel Bargeld auf einem Haufen gesehen hatte. »Ich habe es bereits abgezählt, Sie können es aber selbstverständlich nochmals nachzählen, bevor ich auch schon wieder weiter muss.«

»Nein, nicht doch, ich vertraue Ihnen da blind«, sagte Mr Cutter und legte das Bündel in eine Geldkassette, die er anschließend in den Tresor geben wollte.

»Was ist eigentlich aus ihrem Portier geworden?«, fragte Moira Grace völlig unschuldig und nahm die Quittung für das Geld entgegen. »Ich habe mein Auto vor dem Hotel geparkt, doch niemand kam, um mir zu helfen.«

»Da muss ich mich leider bei Ihnen entschuldigen. Gutes Personal zu bekommen, ist heutzutage gar nicht so einfach«, meinte der Manager und nahm seinen Sohn auf den Schoß, sodass Moira Grace es nicht erspart blieb, ihm direkt in die grünen Augen zu blicken — in die hell leuchtenden Kinderaugen.

»Nicht nur, dass er zu ihren Schwestern und anderen Gästen unhöflich war, stellen Sie sich nur einmal vor, am Mittwoch ist er doch tatsächlich übel riechend zur Arbeit gekommen, da blieb mir nichts anderes übrig, als dem Mann zu kündigen.«

»Ja, das ist schon so eine Sache mit gutem Personal, daher wollen wir auch alle nötigen Arbeiten während unserer Tagung mit unseren eigenen Leuten betrauen«, sagte Moira Grace und zog ihre Handschuhe wieder an, »auf diese ist absolut Verlass.«

»Ich freue mich schon auf einen reibungslosen Ablauf. Das liegt auch in meinem Interesse«, sagte Mr Cutter und begleitete Moira Grace noch aus dem Büro.

»Kommen Sie doch dann einfach wenige Tage vor Ihrer Tagung auf mich zu, dann können wir alle Feinheiten besprechen. Auf Wiedersehen, ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Zeit bis dahin«, sagte Mr Cutter und verabschiedete sich bei Moira Grace mit einem Handkuss.

Nur gut, dass Moira Grace bereits ihre Handschuhe wieder zum Schutz angelegt hatte, da auch Charly mit einem kräftigen Händedruck von ihr Abschied nahm. Charly hatte in diesem Augenblick eine sonderbare Vorahnung, dass mit Moira Grace irgendetwas nicht stimmte — sie war einfach viel zu sonderbar!

»Auf Wiedersehen!«, erwiderte Moira Grace und lief mit eiligen Schritten zum Lift, da sie nicht wollte, dass Mr Cutter ihre immer lauter werdenden Würgegeräusche hörte.

Hektisch drückte sie auf den Knopf, und wenige Minuten vergingen und die Tür des Lifts öffnete sich. Noch einmal drehte sie sich um, winkte den beiden zu und verschwand dann zügig im Lift. Zum Glück hatte sie für solche Fälle immer einen besonderen Beutel in ihrer Handtasche griffbereit, da sie sich nicht länger beherrschen konnte und sich in diesen Beutel übergeben musste — die unerwartete Gesellschaft des Jungen hatte sie doch schwer gereizt.

In der Empfangshalle angekommen, ließ sie ihren Kotzbeutel unbemerkt vom Hotelpersonal in einen Mülleimer verschwinden, der kurze Zeit darauf bestialisch zu stinken begann. Die Empfangsdame klingelte sofort nach einem Zimmermädchen, um den beißenden Gestank aus der Halle zu entfernen. Alle glaubten, ein Hotelgast hätte dort unbefugt eine Babywindel entsorgt, derart unangenehm war der Gestank.

Doch Charly hatte plötzlich ein komisches Gefühl in der Magengrube, als er davon hörte und zu seinem Vater meinte:

»Diese Mrs Moore ist aber schon recht eigenartig, oder etwa nicht? Warum hat sie mir nur die Hand gegeben, als sie noch ihren Handschuh trug?«

Aber sein Vater tat dies als kindliche Fantasie ab und wollte nichts weiter davon hören, was sich Charly einbildete. Schließlich hatte er soeben ein gutes Geschäft abgeschlossen, das ihm vor seinen japanischen Geschäftsfreunden gut dastehen ließ. Bestimmt würde man ihn bei der nächsten Hauptversammlung dafür besonders loben und ihn vielleicht sogar die Leitung eines weiteren Hotels anvertrauen.

Charly jedoch grübelte weiter darüber nach und wollte Beweise dafür liefern, dass er im Recht war. Irgendetwas war mächtig faul an der ganzen Sache. War sein Vater etwa auf beiden Augen blind und erkannte nicht das teuflische Spiel, das ihn längst in den Bann gezogen hatte? Charly wollte das mit seinem Freund Jonathan besprechen. Jonathan war bereits zwölf Jahre alt und hatte sich vielleicht noch einen Funken Vorstellungskraft bewahren können, um Charly Glauben zu schenken.

Gleich am späteren Nachmittag wollte Charly seinen Freund besuchen, wenn es hektischer im Hotel wurde und sein Vater ihn nicht vermissen würde, wenn er mal eben für eine Stunde unterwegs wäre. Sein Freund Jonathan, der von allen nur Viss genannt wurde, wohnte nicht allzu weit vom Stadtkern entfernt in St Albans, das mit dem Rad gerade einmal in zehn Minuten zu erreichen war.

***

In der Zwischenzeit war Moira Grace wieder in der kleinen Hafenstadt Lyttleton angekommen und half ihren Schwestern bei dem Verkauf ihrer Produkte, da noch immer mächtig viel Betrieb im Laden herrschte. Die Schwestern mussten sogar einige Kisten für den Versand öffnen, da sie nicht hinterher kamen, die leeren Regale aufzufüllen. Dadurch kamen die drei ganz schön ins Trudeln und schlossen erstmals in der Geschichte ihres Unternehmens den Laden bereits gegen fünfzehn Uhr, da sie dem großen Ansturm nicht länger gerecht wurden.

Ein Schild an der Ladentür wies darauf hin, dass es ab morgen früh, Punkt neun Uhr, weitergehen sollte. Aus organisatorischen Gründen sei man leider gezwungen, den Laden heute etwas früher zu schließen.

»Hoffentlich werden uns das unsere Stammkunden nicht übel nehmen«, schnaufte Elvira, als sie gerade die Ladentür verschloss und das Schild in das Schaufenster hing.

»Die werden das schon verstehen«, meinte Gillian und räumte ein paar leere Kartons beiseite.

Erschöpft setzten sich die Schwestern an den Küchentisch, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten.

»Eines ist schon mal sicher! Vorerst keine nächtlichen Ausflüge auf den Besen mehr«, sagte Moira Grace und war schier entsetzt über die viele Arbeit, die plötzlich auf sie zugekommen war. »Dass dies jedoch die Kasse klingeln lässt, ist zwar wunderbar, doch habe ich mir unser Leben etwas ruhiger vorgestellt.«

»Nun, Gillian und ich haben uns überlegt, dass wir vielleicht doch jemanden einstellen sollten«, warf Elvira in den Raum und war gespannt darauf, was wohl Moira Grace davon hielt. »Eine Art Aushilfskraft für den Laden. Was meinst du dazu?«

Moira Grace überlegte eine ganze Weile, wer wohl dafür infrage käme. Doch auf Anhieb fiel ihr keine Person ein, derer sie auch trauen konnte.

»Hm, ich weiß nicht, eine fremde Person in unserem Laden? In unserem Haus? Ist das nicht gefährlich?«

»Sie soll ja auch nur im Laden helfen und hätte natürlich keinerlei Zugang zu unserem Haus, das versteht sich von selbst«, steuerte Gillian bei und wäre froh gewesen, eine helfende Hand im Laden zu wissen. Seit Generationen meisterten die drei Schwestern ihr Leben ohne fremde Hilfe. Sollte es nun wirklich an der Zeit sein, damit zu brechen?

»Eine von uns wäre selbstverständlich immer mit im Laden. Ich bin der Meinung, wir sollten es mal wagen«, sagte Elvira und blickte erwartungsvoll zu ihrer älteren Schwester. Diese überlegte kurz und meinte dann entschlossen: »Also gut, lasst uns eine passende Kraft finden. Am Besten, wir bringen gleich morgen früh ein paar Zettel an und lassen uns überraschen, wer sich daraufhin bei uns meldet. Ist auch nur eine dabei, die fähig und vor allem zuverlässig ist, können wir diese dann auch gern fest einstellen. Damit sollte uns allen geholfen sein.«

Etwa zur gleichen Zeit aber an einem anderen Ort traf Charly auf seinen Freund Jonathan im Stadtpark von St Albans, wo einige Jungs mit ihrem Trainer Lacrosse spielten. Auch Charly gehörte dieser Mannschaft an, doch da er sich noch nicht fit fühlte, entschuldigte er sich bei seinem Trainer und verfolgte das Training stattdessen aus dem Augenwinkel heraus, während er zusammen mit Jonathan auf den Schaukeln saß, die nur unweit vom Spielfeld entfernt waren.

Er wusste nicht so recht, wie er es seinem Freund beibringen sollte. Etwas verlegen fragte Charly nach einer Weile:

»Du, Jonathan, glaubst du eigentlich, dass es Hexen gibt?«

»Hast du denn eine gesehen?«, fragte Jonathan und wusste nicht, worauf Charly hinaus wollte.

»Nun, da bin ich mir nicht so sicher«, erklärte Charly und suchte nach den richtigen Worten. »Aber ich kenne da eine alte Frau, die mit Sicherheit eine Hexe ist. Sie heißt Moira Grace Moore und hat einen seltsamen Laden in Lyttleton. Stell dir vor, als ich am Mittwoch bei ihr war, wollte sie mir partout nicht die Hand geben.«

»Na, du bist mir vielleicht einer«, meinte Jonathan scherzhaft, »die alte Frau hat vielleicht Arthritis und möchte daher nur ungern jemandem die Hand geben.«

»Aber meinem Vater gibt sie doch auch die Hand.«

»Das soll nichts heißen. Nicht jeder reicht einem Kind die Hand zur Begrüßung. Vielleicht stammt sie aus einem Land, wo das nicht üblich ist«, sagte Jonathan, der dabei auf die vielen Dokumentationen im TV über fremde Kulturen zu verweisen wusste.

»Na schön, mag ja sein. Aber findest du es nicht sonderbar, dass ich ausgerechnet dann krank wurde, nachdem ich ihre grüne Limonade getrunken habe?«

»Bist du dir denn sicher, dass du sie nicht nur zu schnell getrunken hast?«, sagte Jonathan und wollte sich nicht so recht von Charlys Argumenten begeistern lassen.

»Nun gut, da kommt mir eine Idee«, schlug Charly vor. »Ende April gibt diese Frau eine Tagung in unserem Hotel, was jetzt erst einmal nichts Außergewöhnliches ist, doch stell dir vor, keiner von unserem Hotelpersonal darf dann noch anwesend sein. Die wollen alles selber machen.«

»Das finde ich auch nicht weiter sonderbar«, sagte Jonathan und war nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen.

»Außerdem bin ich mir hundertprozentig sicher, dass sie unseren Portier verhext hat. Der hatte von dem einen auf den anderen Tag begonnen, ganz fürchterlich zu stinken.«

Jonathan lachte lauthals auf: »Der Kerl hätte es mal mit Wasser probieren sollen, das hilft für gewöhnlich.«

»Also was ist nun? Glaubst du an Hexen und Zauberei?«

»Hexen hat es bestimmt einmal gegeben«, meinte Jonathan und überlegte kurz, »aber hast du jemals mit eigenen Augen gesehen, dass jemand so richtig gezaubert hat? Hat diese Moira Grace jemals in deiner Gegenwart irgendeinen Zauberspruch von sich gegeben? Mir fällt es wirklich schwer, dir Glauben zu schenken. Doch ich mache dir einen Vorschlag, weil ich dein Freund bin. Ich bin gerne dazu bereit, dass wir ihren Laden mal genauer unter die Lupe nehmen. Wenn es dann auch nur einen Anhaltspunkt dafür gibt, dass dort Hexen ihr Unwesen treiben, bin ich auch für mehr zu haben.«

»Einverstanden! Also gut. Abgemacht. Lass uns am Montagnachmittag nach Lyttleton fahren, dann wirst du es schon selber sehen, was ich meine.«

»Abgemacht!«

Das gesamte Wochenende waren die Moore Schwestern unterwegs, um ihre ausgeschriebene Stelle publik zu machen. Selbst im nahegelegenen Mt Pleasant, Redcliffs und Sumner verteilten sie dazu ihre handgeschriebenen Zettel auf jeder Pinnwand, die sich dazu auch nur im Entferntesten anbot.

Jeder Fish & Chips Shop und kleiner Supermarkt kam ihnen gerade recht, da sie ohnehin noch einige Besorgungen für die kommenden Tage zu erledigen hatten. Rasch waren alle Zettel verteilt und ihr Auto mit unzähligen Einkaufstüten beladen, sodass sie nun erwartungsvoll vor dem Telefon hockten und auf zahlreiche Bewerberinnen hofften.

Bereits am Sonntagvormittag riefen die ersten Bewerberinnen an. Sorgsam stellte Moira Grace eine erste Liste auf, welche der Frauen in die engere Wahl kamen, um sich am Montagmorgen bei ihnen vorzustellen. Viele Bewerberinnen lehnte Moira Grace jedoch schon während des Telefonats ab, da einige Frauen gar merkwürdige Vorstellungen hatten. So wollten die meisten nur an bestimmten Tagen und zu geregelten Zeiten arbeiten, Überstunden wäre man nicht bereit hinzunehmen und auch bei der Bezahlung hatten so manche eher utopische Vorstellungen vorgebracht. Keine der Schwestern hätte gedacht, dass sich die Einstellung einer Aushilfe als derart schwierig erwies. Letztendlich waren auf der Liste unter dem Strich vier Bewerberinnen übrig geblieben, und so hofften die Schwestern, dass sie am Montag die richtige unter den Frauen auswählen könnten. Jede Frau sollte eigens von Moira Grace interviewt werden und jede sollte die Chance bekommen, mindestens zwei bis drei Stunden Probe zu arbeiten, um ihre Motivation unter Beweis zu stellen.

Auf gar keinen Fall wollten sie jemanden beschäftigen, der die viele Arbeit scheute und nur faul in der Ecke stand. Es sollte jene Frau die Stelle erhalten, die mit Fleiß und Eifer dabei war, und die oft schwierigen Kunden gut beraten konnte. Sie musste ganz einfach zu den Schwestern passen, wobei sie natürlich nicht zu neugierig sein durfte. Denn Neugier war fatal in diesem Geschäft — gar tödlich!

Die erste Bewerberin, eine gewisse Mrs Huber mittleren Alters, war auch gleich pünktlich am Morgen zur Stelle, als Elvira den Laden um Punkt neun Uhr öffnete und sie begeistert empfing.

»Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen«, sagte Elvira und bat Mrs Huber hinein.

»Guten Tag«, erwiderte Mrs Huber und erweckte leider nicht den Eindruck, als dass sie es lange bei den Schwestern aushielte. Nach einigen Einweisungen und zigfachen Erklärungen stellte sich rasch heraus, dass Mrs Huber große Schwierigkeiten hatte, sich die vielen Pasten und Tinkturen zu merken oder sie auseinanderzuhalten. Das konnten die Schwestern ihren Kunden beim besten Willen nicht zumuten, und so verabschiedeten sie sich auch von ihr nach der ersten Probestunde.

»Wir werden bei Bedarf auf Sie zurückkommen«, sagte Elvira und war sichtlich froh, als Mrs Huber den Laden verließ. Selbst als Kundin wollten sie sie nicht einmal gewinnen. Denn was würde wohl geschehen, wenn sie eine der Cremes falsch anwenden würde … die Schwestern wollten sich das nicht einmal ausmalen. Es wäre einfach nur schrecklich. Katastrophal!

Kurz vor elf Uhr kam die nächste Bewerberin in den Laden geschossen, die nicht einmal näher vorgestellt werden muss, da sich die Schwestern schon in den ersten fünf Minuten gegen sie entschieden hatten. Warum fragst du dich? Nun, die Person quasselte ununterbrochen wie ein Wasserfall und war derart aufgedreht, dass die Schwestern ihr eine Mixtur mit nach Hause gaben, um vielleicht dort wieder zur Ruhe zu kommen.

»Es kann doch nicht so schwierig sein, eine Aushilfe zu finden, die zu uns passt«, seufzte Gillian wohlwissend um den Ansturm, der gegen die Mittagszeit wieder auf sie zukäme.

»Nun, zwei weitere Kandidatinnen haben wir ja noch auf unserer Liste«, tröstete Moira Grace ihre Schwestern und verwies auf den wohlklingenden Namen einer der beiden Bewerberinnen.

»Doch was ist ein wohlklingender Name wert, wenn auch diese Person nicht unseren Ansprüchen genügt.«

Kaum Manieren und mit einem frechen Umgangston, wurde auch diese Frau schnell wieder nach Hause geschickt, mit einem gut gemeinten Rat von Moira Grace: »Wer es in dieser Welt zu etwas bringen will, sollte an seiner Höflichkeit arbeiten. Nichts für ungut, liebe Frau, aber Sie sind definitiv nicht die Richtige für uns.«

Aufgeregt blickte Gillian auf die große Standuhr im Laden, da um fünfzehn Uhr die nächste Bewerberin erscheinen sollte, und es war bereits weit nach fünfzehn Uhr. Seit dem Mittag hatten die Schwestern kaum eine Pause gehabt, da auch an diesem Tag das Geschäft brummte. Sie brauchten ganz dringend eine Aushilfe, doch wo blieb nur dieses Fräulein?

Gespannt schauten die Schwestern zur Tür, wann immer eine Person den Laden betrat und hofften mit jedem neuen Gesicht, dass die letzte Bewerberin für heute doch noch auftauchen würde. Doch sie wurden offenbar im Stich gelassen und mussten sich förmlich zerreißen, allen Kunden gerecht zu werden, da eine gute Beratung für die Schwestern und deren Kunden selbstverständlich war.

Keiner ihrer Kunden hatte je ein Produkt selbst aus dem Regal genommen, und so waren die Schwestern auch mehr als verwundert, als eine junge Frau ganz instinktiv nach der richtigen Flasche griff, als sie von einer anderen Kundin um Hilfe gebeten wurde. Wie in Zeitlupe beobachteten die Schwestern dieses junge Fräulein mit der langen rotblonden Mähne und den vielen Sommersprossen im Gesicht, die wie ganz selbstverständlich der anderen Kundin ein Produkt erklärte und es ihr gewissenhaft ans Herz legte.

Auch die Schwestern hatten in diesem Augenblick eine Entscheidung gefällt: Die oder keine soll es sein!

Süßes oder Sauers

Doch auch an einem anderen Ort musste eine Entscheidung gefällt werden. Charly blickte jedenfalls aufgeregt auf seine Armbanduhr. Er wartete mal wieder länger auf seinen Freund, als ihm lieb war, aber das kannte er bereits. Auf Jonathan war in dieser Hinsicht einfach kein Verlass, doch das lag nicht an Jonathan selbst, da er oft seinem Vater in der Schreinerei helfen musste, so auch an diesem Tag.

Mit reichlich Verspätung traf Jonathan dann endlich am vereinbarten Treffpunkt ein, dem Busbahnhof am Cathedrale Square und entschuldigte sich sogleich für sein Zuspätkommen:

»Entschuldige bitte, Charly, aber ich musste noch ein paar Möbel mit meinem Vater ausliefern, da habe ich ihm geholfen und völlig die Zeit aus den Augen verloren.«

»Schon gut, dann nehmen wir einfach den nächsten Bus«, sagte Charly und war auch nicht länger enttäuscht, da er wusste, dass Jonathan in der väterlichen Schreinerei ordentlich mit anpacken musste, sodass sein Vater überhaupt über die Runden kam. »Der nächste Bus fährt in zwölf Minuten. Kann ich dich in der Zwischenzeit für ein Softeis begeistern?«

»Na logisch, wenn du zahlst!«

Die beiden Jungs schlenderten zu einem kleinen Verkaufsstand auf dem Platz vor der großen Kathedrale, der neben Hot Dogs und Hamburgern auch sehr leckeres Softeis verkaufte.

»Zweimal Softeis zum Mitnehmen bitte«, bestellte Charly und zahlte bereitwillig auch das Eis seines Freundes. Schließlich hatte er zur anstehenden Erkundung aufgefordert, da musste er auch schon mal etwas tiefer in die Tasche greifen. »Hier, dein Eis«, überreichte Charly eine der Eiswaffeln an Jonathan, der gierig diese kühle Erfrischung entgegennahm.

Selten konnte sich Jonathan aus eigener Tasche derartige Dinge leisten. Zwar bekam er dann und wann ein paar Dollar von seinem Vater zugesteckt, doch diese sparte Jonathan eisern für etwas ganz Besonderes. Sein altes Fahrrad war nur noch ein klappriger Schrotthaufen, und sein Vater konnte es sich einfach nicht leisten, ihm ein neues zu kaufen, so wollte er sich diesen Wunsch selbst erfüllen, zumal bereits seine Klassenkollegen zu lästern begannen, weil er mit diesem Drahtesel immer noch zur Schule fuhr.

»Also dann, gib mir deine Hand drauf, dass du mir helfen wirst, diesen Laden und deren Inhaberinnen auszuspionieren«, forderte Charly, als sie gemeinsam den Bus betraten und sich auf die hinterste Bank setzten.

»Okay! Meinetwegen! Ich hoffe nur, dass es keine Zeitverschwendung ist und es auch sein Geld wert sein wird. Immerhin investieren wir hier ganze vier Dollar allein für die Fahrt. Stell dir nur vor, was wir uns für dieses Geld kaufen könnten«, sagte Jonathan und reichte Charly seine Hand.

Mit reichlich Spucke wurde das Versprechen besiegelt, und der Bus machte sich über die lange Straße auf den Weg in Richtung Lyttleton. Dieses Städtchen kannten die beiden so gut wie gar nicht, da es doch recht weit draußen lag und kaum etwas Aufregendes zu bieten hatte. Die Jungs bevorzugten stattdessen die Küste auf der anderen Seite des Hügels, wo sie hin und wieder auch schon mal schwimmen gingen. Dort kannten die beiden einen Journalisten und Künstler, den sie vor kurzer Zeit erst auf dem Künstlermarkt des Art Centers kennen gelernt hatten. Er bemalte dort Kinder für gerade mal einen Dollar die Gesichter und zauberte mit wenig Farbe und geübten Pinselstrichen ein Lächeln auf ihre Gesichter und manchmal zum Missfallen der Eltern ein gar scheußliches Tattoo auf deren Haut.

So richtig aufmerksam wurde Charly aber erst auf diesen jungen Mann, als er eine Reportage über Hexen in der Zeitung gelesen hatte, die von diesem Mann stammte. Da dieser Künstler, der in Mt Pleasant ziemlich weit oben auf dem Hügel wohnte, einen eigenen Pool besaß, waren sie auch schon öfters privat bei ihm gewesen und es hatte sich über die Wochen hinweg eine Freundschaft entwickelt. Diesen Mann wollten sie anschließend besuchen, wenn noch genügend Zeit übrig blieb, da Charly pünktlich um neunzehn Uhr zu Hause sein musste, ohne einen Verdacht auf sich zu lenken, dass er nicht im Bett lag und seine Erkältung auskurierte.

Der Bus hielt an der Endstation von Lyttleton um genau 15:44 Uhr. Charly und Jonathan verabredeten, dass sie im Laden nach einem Geschenk für ihre Eltern suchen wollten, sodass man ihnen nicht gleich auf die Schliche kam oder die Tür vor der Nase zuschlug. Sie wollten dort allerdings Antworten auf ihre Fragen erhalten.

Charly gab Jonathan einen Zehndollarschein und sagte:

»Wenn du dein Geschenk selber zahlst, sieht das glaubwürdiger aus. Hier steck ein. Den kannst du mir dann später mal zurückgeben.«

Ja, Charly ließ sich diese gesamte Aktion schon etwas kosten, so sicher glaubte er daran, dass er recht behielt: Hexen seien mitten unter uns! Dass er aber selber Entdeckungen an sich machte, die ihm äußerst rätselhaft waren, behielt er zu diesem Zeitpunkt noch für sich.

Die Glocke oberhalb der Ladentür ertönte und Charly betrat zusammen mit seinem Freund diesen sonderbaren Laden, der fast ausschließlich nur von Frauen aufgesucht wurde. Das fiel Jonathan jedenfalls zuerst auf und flüsterte Charly ins Ohr:

»Bist du dir sicher, dass wir hier nicht vollkommen fehl am Platz sind?«

»Warte es nur ab, was gleich passieren wird«, raunte Charly und suchte in diesem hektischen Treiben nach einer ganz bestimmten Person. Nach einer Weile konnte Charly sie auch ausmachen und befahl Jonathan, ihm zu folgen und das Kommende genauestens zu beobachten.

Er nahm all seinen Mut zusammen, als er an einem Rock zupfte und liebevoll scheinheilig fragte: »Entschuldigung Sie, können Sie mir bitte weiterhelfen? Wir suchen nach einem Geschenk für die Mutter meines Freundes.«

Entsetzt drehte sich die Frau um und schaute in die selben grünen Augen, die sie zuvor noch strengstens zu meiden versucht hatte. Panisch hielt sich Moira Grace die Hände vor den Mund und erneut setzte ein starker Würgereiz ein. Bevor sie Schutz hinter dem Tresen suchte, tippte sie ihrer neuen Aushilfskraft auf die Schultern und flehte sie regelrecht an: »Übernehmen Sie bitte diesen Kunden, Serena.« Kaum hatte Moira Grace diesen Satz über die Lippen gebracht, rannte sie auch schon hinter den Tresen und dann durch eine Zwischentür in das Haus — in Sicherheit.

»Was ist denn mit der los?«, wunderte sich Jonathan und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Siehst du, genau das meinte ich«, flüsterte Charly, sodass keiner außer Jonathan es hören konnte.

Im nächsten Augenblick kümmerte sich auch schon Serena um die beiden Jungs. »Na, womit kann euch denn geholfen werden? Sucht ihr nach etwas bestimmten?«

Charly stammelte verlegen: »Ich … ich … ähm … mein Freund … ähm … er sucht nach einem Geschenk für seine Mutter.«

»Ja nach einem Geschenk. Genau!«, pflichtete Jonathan bei und beobachtete, wie Moira Grace vorsichtig zwischen einem Spalt der Tür in den Laden spähte und die Augen verdrehte.

»Können Sie uns irgendetwas empfehlen, was seiner Mutter gefallen könnte?«

»Nun, lasst mich mal überlegen«, meinte Serena und lief mit den Jungs auf die andere Seite des Ladens. »Eigentlich verkaufen wir hier nur Mittelchen für kleinere Schönheitsprobleme, doch wartet, wir haben auch wohlriechende Seifen und Badeöle.«

»Eine Seife ist nicht gerade das, wonach wir suchen. Es soll ein tolles Geschenk werden«, sagte Jonathan und sah sich bereits mit einem Seifestück in der Hand im elterlichen Wohnzimmer stehen, wo sein Vater sicher enttäuscht auf das sonderbare Geschenk blicken würde.

»Was kosten diese schönen Flaschen mit Badeöl?«

»Oh, da kann ich dir das Badeöl mit Lavendel sehr empfehlen«, sagte Serena und öffnete die Flasche, sodass beide Jungs daran riechen konnten.

»Das riecht aber toll. Wie teuer ist das?«

»Dieses Fläschchen kostet vierzehn Dollar. Wir haben aber auch noch größere Flaschen im Angebot.«

»Einen Moment bitte«, sagte Jonathan und wollte sich zuerst mit seinem Freund beraten. »Geht das in Ordnung?«

»Also gut, ich werde dir den Rest dafür auslegen«, sagte Charly recht deutlich, sodass auch Serena es hörte.

»Das ist sehr lieb von dir, dass du deinem Freund aushilfst. Soll es also dieses Badeöl sein?«

»Ja, gerne!«

Zusammen gingen die drei an die Kasse, wo Elvira sich schon seit Minuten darauf vorbereitet hatte, den beiden Jungs zu begegnen.

Tief durchatmen, Elvira. Du musst einfach nur tief durchatmen!

»Die beiden hier haben sich für ein Badeöl für ihre Mutter entschieden. Ist das nicht zuckersüß?«

Mit einem aufgesetzten Lächeln meinte Elvira: »Aber ja doch! Da wird sich eure Mutter sicher freuen … würg. Oh, mir wird ganz komisch. Es ist wohl die Hitze. Können Sie bitte die beiden Jungs abkassieren, Serena?« Auch Elvira verschwand mit zügigen Schritten hinter die Zwischentür, und nur wenig später folgte ihr auch Gillian, die vorsorglich den beiden aus dem Wege ging.

»Ich darf die Schwestern entschuldigen. Sie fühlen sich nicht sonderlich gut. Naja, es war ja auch eine Menge los heute und die Schwestern sind nicht mehr die Jüngsten, müsst ihr wissen«, sagte Serena und verpackte das bezahlte Badeöl in eine Papiertasche. Sie legte noch ein paar Proben bei.

Charly legte die restlichen vier Dollar auf den Tresen und wunderte sich derart heftig, dass ihm fast ein falsches Wort über die Lippen kam. Glücklicherweise hatte Charly noch gerade rechtzeitig die Klappe gehalten und verkniff sich zudem, weitere Fragen zu stellen.

»Ich habe hier zwei Limonaden für euch«, sagte Serena und stellte die Flaschen mit der grünen Flüssigkeit auf den Tresen.

»Jedes Kind, das diesen Laden betritt, bekommt diese kleine Aufmerksamkeit von uns geschenkt. Lasst sie euch schmecken.

Auf Wiedersehen!«

»Oh, vielen Dank«, erfreute sich Jonathan an den spendierten Getränken und packte sie zu dem gekauften Badeöl in die Tasche. »Dankeschön! Auf Wiedersehen!«

Bestens gelaunt lief Jonathan aus dem Laden heraus und Charly folgte ihm einige Schritte entfernt. Als sie etwa vierzig Meter vom Laden entfernt in eine Seitenstraße abgebogen, blickte Charly vorsichtig hinter der großen grünen Hecke am Wegesrand hervor und warf einen erschrockenen Blick auf das Schaufenster. In diesem Fenster konnte er die Gesichter der drei Schwestern sehen, die ebenfalls vorsichtige Blicke auf die Straße warfen.

»Schau, schnell«, sagte Charly und zerrte Jonathan zu sich. »Sieh doch nur. Kannst du die Hexen dort drüben im Fenster sehen?«

Doch als Jonathan selbst einen Blick riskierte, waren die Gesichter schon verschwunden. »Was denn? Was meinst du? Ich kann dort drüben überhaupt nichts sehen.«

»Ach, so ein Mist«, schimpfte Charly und setzte sich auf den Bürgersteig. »Du hättest ihre verängstigten Blicke sehen sollen. Glaube mir, irgendwie haben die Angst vor uns — vor uns Kindern.«

»Irgendwie war das schon seltsam«, grübelte Jonathan und setzte sich neben seinen Freund. »Aber die eine von denen war doch ganz nett. Schau doch nur, sie hat uns zwei Flaschen Brause geschenkt.«

»Ich könnte schwören, dass die gar nicht zu denen gehört. Die schaut ganz anders aus. Die war bestimmt keine von ihnen, aber die anderen — die sind zu einhundert Prozent Hexen.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Ich weiß nicht. Irgendwie habe ich ein ganz sonderbares Gefühl dabei. Vielleicht kann uns Darwin da weiterhelfen. Der kennt sich bestimmt in solchen Sachen aus.« Charly blickte auf seine Uhr: »16:15 Uhr. Also noch nicht zu spät, um unserem Freund einen Besuch abzustatten.«

Er und Jonathan rannten zur Bushaltestelle, da der Bus bereits im Begriff war loszufahren. Der Busfahrer stoppte erneut und ließ die beiden noch einsteigen, bevor sie dann dem Spaß entgegeneilten.

Direkt vor Darwins Haus war eine Bushaltestelle. So mussten sie nicht den steilen Berg hinauf laufen, da sie es sonst zeitlich gar nicht mehr geschafft hätten. Jonathan konnte sich noch allzu gut daran erinnern, wie er mal den Berg zu Fuß erklommen hatte und dann derart außer Puste war, dass er viel zu schwach war, gegen Darwin im Wettschwimmen zu gewinnen.

Wie peinlich. Sonst gewann stets er.

Am Haus angekommen, klopften sie gegen die gläserne Eingangstür, doch auch nach erneutem Klopfen wurde ihnen nicht aufgemacht.

»Der ist bestimmt schon im Pool«, meinte Charly und so schlichen die beiden rechts um das Haus, bis sie an die Gartentür kamen. Durch einen kleinen Spalt konnten sie Darwin neben dem Pool auf einer Liege ausmachen, mit Kopfhörern über den Ohren.

Jonathan rüttelte an der Tür und wollte schon drüber klettern, als Charly in seine Hose griff und einen kleinen silbernen Schlüssel an einem Gummiband hervorholte und meinte: »Warte, ich habe einen Schlüssel für das Gartentor.« Mit einem Dreh war das Tor offen und die beiden Freunde schlichen vorsichtig an den Pool heran.

Jonathan flüsterte: »Warum habe ich eigentlich keinen Schlüssel für die Gartentür?«

»Keine Ahnung! Vielleicht solltest du einfach mal öfters den Pool sauber machen, so wie ich. Wann immer ich Zeit dazu habe, helfe ich Darwin dabei.«

»Hm, das ist natürlich ein gutes Argument«, sagte Jonathan und wollte später Darwin darauf ansprechen, ob nicht auch er einen Schlüssel bekäme, obwohl er nur wenig Zeit opfern konnte, den Pool sauber zu halten. Sein Vater spannte ihn viel zu sehr ein und viel zu selten waren die Besuche gemeinsam mit Charly. Doch sei es drum, jetzt waren sie ja hier.

Rasch zogen sie ihre Sachen aus und legten sie auf einen Haufen. Dahinter legten sie die Einkaufstasche, sodass dem Badeöl nichts passierte. Leise schritten sie auf das Sprungbrett zu und ließen sich direkt vor Darwins Liege in das Wasser fallen. Mit einem lauten Platsch tauchten sie in das kühle Wasser ein und spritzten so eine ordentliche Ladung auf ihren schlafenden Freund, der völlig überrascht aufsprang und erschrocken um sich blickte. Niemand war zu sehen, doch das Wasser im Pool schwappte verräterisch auf und ab. Darwin kniete sich an den Beckenrand und schaute in das tiefe Wasser. Dort lagen zwei Knirpse auf dem Boden des Pools und lachten. Kurzerhand sprang auch er in das Wasser und tauchte zu ihnen ab.

Etwa zur gleichen Zeit tauchten Moira Grace und Serena ihre Teebeutel in das heiße Wasser ein und gaben noch etwas Zucker dazu. Elvira platzierte ihre selbst gebackenen Ingwerkekse auf dem großen Küchentisch und Gillian schloss die Ladentür nach einem sehr ereignisreichen langen Tag. Entspannt wollten sie ihren Tee genießen und natürlich mehr über Serena erfahren, die sie heute gleich öfters aus der Patsche gerettet hatte. Liebevoll reichte Elvira das Tellerchen hinüber, auf dem die Kekse lagen, und Serena nahm anstandsweise nur einen davon in ihre linke Hand.

»Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass wir uns gefunden haben«, sagte Moira Grace und schlürfte von ihrem Kräutertee. »Schon lange haben wir nach einer geeigneten Person gesucht, die uns im Laden unterstützt. Daher wäre ich sehr froh, wenn Sie unser Angebot annehmen.«

»Wie der Zufall es will, hatte ich heute Morgen davon gehört, dass Sie eine Aushilfe suchen«, sagte Serena und griff nach einem zweiten Keks. »Zwar betreue ich eine ältere Dame in den Abendstunden, doch tagsüber hätte ich schon Zeit, eine weitere Tätigkeit anzunehmen.«

»Sind Sie denn bereits unter der Haube oder haben Sie gar Kinder?«, interessierte sich Elvira brennend dafür, da sie es natürlich vermeiden wollte, weitere Kinder in ihrem Laden zu empfangen. »Aber nein, ich bin noch Single und habe keine eigenen Kinder. Mein derzeitiger Freund hat zwar zwei Jungs, doch die besuchen ein Internat und sind nur selten zu Hause.«

»Könnten Sie sich denn vorstellen, bei uns zu arbeiten? Sagen wir von zwölf bis sechszehn Uhr. Jeweils von montags bis freitags«, fragte Moira Grace und hoffte auf ein schlichtes Ja.

»Ich würde das noch gern mit meinem Freund besprechen wollen, aber ich denke nicht, dass er irgendwelche Einwände hat. Daher würde ich jetzt schon mal zusagen. Ich werde Sie dann aber nochmals heute Abend anrufen, wenn Ihnen das so recht ist?«

»Gerne doch, ich freue mich schon darauf. Wären Ihnen zwölf Dollar die Stunde genug? Wir würden Ihnen dann nach einer gewissen Einarbeitung auch gern vierzehn Dollar die Stunde bezahlen. Ich bin ohnehin überrascht, wie schnell Sie sich auf die Kunden einstellen konnten und wie gut sie unsere Produkte kennen. Nutzen Sie denn selbst Produkte von uns?«

»Erst einmal ist mir die Bezahlung gar nicht so wichtig, aber ihr Angebot klingt fair. Ich habe große Freude daran, Kunden zu bedienen und ja, ich habe auch schon Produkte von Ihnen gekauft. Aber die kann ich mir selbst nur selten leisten, da ich noch studiere«, berichtete Serena und notierte sich den angedachten Stundenlohn auf einen Zettel, den ihr Gillian gereicht hatte.

»Na, dann sollten Sie nicht zögern, bei uns zu arbeiten. Dann werden wir Ihnen natürlich einen angemessenen Rabatt einräumen. Sagen wir mal dreißig Prozent auf das gesamte Sortiment.«

Moira Grace wollte unbedingt Serena dazu bringen, auf alle Fälle anzunehmen und überreichte ihr für die zwei bereits geleisteten Probestunden fünfundzwanzig Dollar, sowie ein Päckchen Ingwerkekse, die ihr zu schmecken schienen, da sie während des kurzen Gesprächs bereits vier davon gegessen hatte.

»Oh, vielen Dank, Ihre Kekse sind wirklich köstlich. Sie sollten mal darüber nachdenken, auch die in Ihrem Laden anzubieten. Ich bin mir sicher, dass Sie damit viele begeistern würden«, sagte Serena und nahm das Geld sowie die kleine Aufmerksamkeit gerne an. »Jetzt muss ich aber wirklich gehen, sonst komme ich noch zu spät zur alten Dame, die ich ja noch betreue«, sagte Serena, als sie die Zeiger auf der Küchenuhr sah.

»Natürlich, wir wollen Sie auch gar nicht länger aufhalten«, sagte Moira Grace und begleitete Serena noch vor die Tür. »Bitte denken Sie daran, uns heute noch darüber zu informieren, ob Sie bei uns anfangen möchten. Dann können wir den anderen Bewerberinnen absagen.«

»Das werde ich auf jeden Fall tun, ganz bestimmt. Auf Wiedersehen! Bis morgen!«

Auch Charly drängte zum Aufbruch, da es inzwischen weit nach achtzehn Uhr war. Doch vorerst wollte er von Darwin noch ein paar Fragen beantwortet bekommen. Darwin schlug vor, dass er sie später nach Hause fahren würde, so blieb für Charlys Fragen noch genügend Zeit.

Die Jungs riefen kurz ihre Eltern an, dass sie Darwin dann bringen würde und so blieben sie noch zum Abendessen und leisteten dem jungen Mann ein wenig Gesellschaft, dessen Freundin erst gegen zwanzig Uhr nach Hause kommen wollte. Schnell war ein Abendessen zubereitet und Jonathan deckte den kleinen Tisch auf der Veranda ein, da er sich davon einen Bonus versprach, wenn er Darwin nach einem eigenen Schlüssel für das Gartentor fragen wollte.

Solche Gefälligkeiten waren durchaus üblich und schon oft hatten die beiden bei Darwin zu Abend gegessen und über so manche Dinge gesprochen. Der Journalist und Künstler verfügte über ein sehr großes Allgemeinwissen und meinte dazu stets:

»Man lernt nie aus! Die Welt hat derart viele Geheimnisse, dass selbst ich es liebe, neue Dinge zu entdecken.«

Er war ein aufmerksamer Beobachter und seine ganz besondere Leidenschaft galt der großen Bibliothek in der Stadt. Dort verbrachte er oft viele Stunden, in denen er nach allem möglichen Ausschau hielt und dicke Bücher wälzte. »Was genau willst du von mir wissen, Charly?«, fragte Darwin, als er den Jungs Pasta auf die Teller servierte und sein Glas mit frischem Wasser füllte.

»Das mag jetzt vielleicht komisch klingen, aber glaubst du, dass es auch heute noch Hexen gibt?«, fragte Charly und schaute Darwin wissbegierig an.

»Da kommt es natürlich drauf an, was du unter einer Hexe verstehst. Sprechen wir von Frauen, die sich mit Magie und Heilkunde beschäftigen, oder eher über die märchenhafte Figur, die nachts mit ihrem Besen über die Häuserdächer flitzt?«

»Hm, gibt es da denn einen Unterschied?«

»Aber selbstverständlich gibt es den. Doch wenn ich dir mein gesamtes Wissen über Hexen mitteilen würde, säßen wir noch ewig hier draußen. Doch um deine Frage schon jetzt zu beantworten. Ja, es gibt Hexen. Es hat sie immer gegeben und gibt sie auch heute noch. Wir können gerne am Wochenende darüber sprechen, da habe ich nichts großartig vor.«

»Oh ja, das wäre toll«, jubelte Charly und freute sich, in Darwin einen weiteren Verbündeten gefunden zu haben.

»Könnten wir dann vielleicht in deinem Garten zelten?«, wollte Jonathan wissen, der auch schon brennend mehr über Hexen erfahren wollte. Ja, auch er schien endlich Feuer gefangen zu haben und würde natürlich seinen Freund Charly weiterhin unterstützen. Das es dazu jedoch erst den Impuls von Darwin brauchte, der dieses Thema keineswegs lächerlich behandelte, war absehbar, denn Jonathan hinterfragte alles und jeden.

»Das geht in Ordnung. Aber ihr müsst dann ein eigenes Zelt mitbringen. Meines muss ich erst noch flicken, da es beim letzten Camping ganz schön in Mitleidenschaft gezogen wurde.«

»Ich könnte dir dabei helfen, wenn du willst«, bot Jonathan seine Hilfe an und löffelte die restliche Sauce vom Teller.

»Gerne, da sage ich nicht nein.«

Jonathan reichte Darwin die Hand, um dieses Versprechen zu besiegeln, räusperte sich und fragte dann mit leisen Worten:

»Warum hat eigentlich Charly einen Schlüssel für dein Gartentor und ich nicht?«

»Gute Frage, warum eigentlich … Charly ist sehr oft hier und macht dann den Pool für mich sauber. Das finde ich eine feine Sache, da ich selbst nur wenig Zeit dafür habe. Aber warte, das können wir im Nu ändern«, meinte Darwin unverhofft und ging kurz in das Haus, um im Arbeitszimmer nach einem weiteren Schlüssel für das Gartentor zu suchen. Nach ein paar Minuten kam er zurück auf die Veranda, wo bereits die Jungs das Geschirr vom Tisch räumten und die Stühle zusammenstellten.

»Hier hast du deinen ganz eigenen Schlüssel, aber verliere ihn nicht«, sagte Darwin und legte den Schlüssel in die erwartungsvollen Hände seines Empfängers.

»Danke, Darwin! Ich werde ihn hüten wie einen Schatz.«

»Na los, lasst uns schnell noch das Geschirr aufspülen, damit ich euch dann nach Hause bringen kann.«

Aber das war mehr als selbstverständlich, dass sie ohne diese Arbeit verrichtet zu haben nicht gehen würden. Im Nu waren das Geschirr und die Gläser gespült und die Küche gesäubert. Danach brachte Darwin die beiden Jungs mit dem Auto nach Hause.

Im Hause der Schwestern klingelte das Telefon.

Elvira nahm den Hörer ab.

»Hallo, Sie sprechen mit Elvira Moore. Was kann ich für Sie tun?«

»Guten Abend, hier spricht Serena. Ich wollte Ihnen mitteilen, dass mein Freund nichts dagegen hat, dass ich bei Ihnen arbeite und so würde ich gerne schon morgen bei Ihnen anfangen wollen.«

»Da wird sich meine Schwester aber freuen«, verkündete Elvira lautstark, sodass auch Moira Grace den Anruf mitbekam, die auf ihrem Schaukelstuhl saß und alte Rezepte studierte.

»Oh, ist das etwa diese nette Person von heute Nachmittag?«, fragte Moira Grace und schlug das Buch zu.

»Ja, es ist Serena. Sie wird ab morgen bei uns anfangen. Ist das nicht wunderbar?«

Elvira verabschiedete sich noch rasch von Serena. »Wir sehen uns dann morgen um Punkt Zwölf. Auf Wiederhören.«

»Das wäre geschafft! Von nun an werden unsere Tage wieder entspannter werden, zumal wir ja inmitten der ganzen Vorbereitungen für unseren Hexenkongress stehen«, sagte Gillian und ließ Moira Grace mit einem Löffel eine neue Suppe verkosten.

»Vorzüglich! Die sollten wir unbedingt während des Empfangs unseren Gästen reichen. Unsere Verbündeten werden davon begeistert sein«, staunte Moira Grace und leckte den Löffel ab. »Wie weit sind wir eigentlich mit dem Zaubertrank für unseren teuflischen Plan an Halloween?«

»Das Grundrezept steht«, sagte Gillian, »doch wir benötigen noch ein paar Freiwillige, um sicher zu gehen, dass wir damit auch den gewünschten Erfolg erzielen.«

»Ach, wir hätten die Chance nutzen und den beiden Jungs von heute Nachmittag diesen einflößen sollen«, war Moira Grace über die vertane Möglichkeit verbittert.

»Du musst nicht böse sein, liebe Schwester. Das ist bereits geschehen«, lachte Elvira und deutete auf die abgefüllten Limonadenflaschen.

»Meinst du damit, dass du unsere Brause bereits ausgetauscht hast?«, wollte eine bereits besser gelaunte und lachende Moira Grace wissen.

»Aber ja doch. Die letzte Brause verursachte lediglich Magenschmerzen und hielt nur für wenige Tage an. Da habe ich das Rezept noch einmal überarbeitet«, triumphierte Elvira und freute sich schon jetzt mächtig auf das Resultat.

»Aber einer der beiden Jungs war der Bengel vom Hotelmanager«, meinte Moira Grace besorgt, »dieser wird ganz bestimmt keine Brause mehr von uns trinken. Als ich seinen Vater im Hotel besucht hatte, plagte er bereits über Übelkeit, und irgendwie ist mir dieser kleine Fratz nicht geheuer.«

»Jedenfalls haben sie die beiden Flaschen mitgenommen. Sein Freund wird bestimmt davon kosten wollen, da mir dieser sehr neugierig erschien. Ohnehin hat Serena ihnen die Flaschen gegeben, ich glaube nicht, dass dieser Junge einen Verdacht schöpft.«

Und so sollte es auch tatsächlich geschehen.

Am nächsten Morgen nahm Jonathan die beiden Limonadenflaschen mit auf den Schulweg, da er die Tüte aus dem Laden mit zu sich nach Hause genommen hatte. Charly hatte doch ganz vergessen, seinen Freund nochmals eindringlich vor diesem Gesöff zu warnen, dass ihm in der letzten Woche derart höllische Schmerzen verursacht hatte.

Doch die beiden hatten nicht den selben Schulweg und so kam, was kommen musste!

Peter Meyer, ein gar übler Zeitgenosse, der in der Schule sich einen Spaß daraus machte, seine Mitschüler und vor allem ihm körperlich Unterlegene zu drangsalieren, begann einen heftigen Streit während der Fahrt zur Schule. Auch Jonathan gehörte hin und wieder zu seinen Opfern, der sich schon gar nicht mehr zur Wehr setzte, so leid hatte er es bereits, diese stupiden Machtkämpfe, die nicht gerade von Peters Intelligenz zeugten, auszutragen.

Der bullige und dicklich wirkende Peter schubste Jonathan, als sie in den Bus einstiegen und ließ auch dann nicht von ihm ab, als der Busfahrer ihn ermahnte, er würde ihn nicht länger mitnehmen, wenn er Ärger machte. Doch diese Drohung war doch nur Schall und Rauch in Peters Ohren und so wurden aus dem anfänglichen Schubsen ganz schnell Stöße, Tritte und auch Schläge.

Als dann die Flaschen in Jonathans Rucksack zu klimpern anfingen, wurde Peter hellhörig: »Oh, was haben wir denn da im Rucksack, Johnny Boy? Etwa Boozy?« Womit Alkohol gemeint war.

Insgeheim wünschte sich Jonathan, dass er Alkohol dabei gehabt hätte, denn dann hätte er Peter auf der Stelle damit abfüllen und ihm eine Lektion erteilen können. Peter ließ auch nicht lange auf sich warten und riss Jonathan den Rucksack vom Körper. Hektisch durchwühlte er ihn und fand die beiden grünen Flaschen darin.

»Was ist denn das? Etwa eine geheime Mischung?«, spottete Peter und öffnete die erste Flasche.

Trotz einer weiteren Drohung des Busfahrers, er möge doch bitte den Verzehr von Getränken während der Fahrt unterlassen, setzte Peter auch schon an und trank die erste Flasche auf ex.

»Hm, nicht schlecht, nicht schlecht«, sagte Peter und griff nach der zweiten Flasche.

»Wenn du die jetzt auch noch trinkst, werfe ich dich sofort aus dem Bus«, schimpfte der Busfahrer und schaute böse in den Rückspiegel.

»Das machen Sie doch sowieso nicht«, erwiderte Peter und setzte die zweite Flasche an die Lippen an.

Der Bus stoppte und weitere Personen stiegen zu, darunter auch Charly, der sofort nach seinem Freund Ausschau hielt und den Ernst der Lage wohl als Einziger erkannte. »Nein, trink das bloß nicht!«, brüllte Charly mit aller Kraft und Lautstärke.

Doch es war zu spät.

Peter trank auch diese Flasche zügig leer und als er die Flasche absetzte, ertönte ein qualvolles Rülpsen aus seinem tiefsten Inneren, dass jeder im Bus hören konnte. Alle Passagiere blickten auf Peter und sekundenlang wurde es mucksmäuschenstill. Dann ein weiteres lautes Grollen und Rülpsen. Im Minutentakt schossen nun laute Rülpser aus seinem offen stehenden Rachen und peinlich betroffen hielt er sich die Hände vor den Mund.

Das war kein Spaß mehr.

Jeder weitere Rülpser schmerzte ihn und der Busfahrer wollte ihn schon aus dem Bus werfen. Doch da sie bereits an der Schule angekommen waren, war es für diese erzieherische Maßnahme ohnehin viel zu spät. Die Kinder stiegen aus dem Bus und eilten in ihre Klassen. Nur Jonathan und Charly zögerten und beobachteten den dicken Peter, wie er rülpsend über den Schulhof taumelte und schließlich völlig entkräftet zu Boden sank.

Wie vereinbart erschien Serena pünktlich kurz vor zwölf Uhr am nächsten Tag und wurde bereits von Elvira und Gillian hoffnungsvoll erwartet. Serena hatte Wort gehalten und freute sich auf diese neue Tätigkeit, da sie das Geld gut gebrauchen konnte. Schon bald wollte sie mit ihrem Freund zusammenziehen, da kamen die zusätzlichen Einnahmen gerade recht.

Da die Schwestern auch heute wieder einen großen Ansturm erwarteten, nutzten sie die ruhige Mittagsstunde, um Serena alle derzeit vorrätigen Produkte ausführlich zu erklären und worauf sie besonders zu achten hätte. Derzeit verkauften die Moore Schwestern etwa sechzig verschiedene Pflege- und Wundermittelchen, und so hatten sie für Serena ein paar Notizen zusammengestellt, sodass sie schnell mit all ihren Besonderheiten vertraut wurde und so die oft verzweifelte Kundschaft besser beraten konnte. Aufmerksam lauschte Serena den Beschreibungen und Einweisungen, und so sollte sie auch schon die erste Kundin des Nachmittags alleine bedienen. Die Schwestern würden sie dabei jedoch unterstützen, wenn es nötig wäre. Wie erwartet füllte sich der kleine Laden auch recht zügig, sodass meist drei bis vier Kunden gleichzeitig dort waren und nach dem richtigen Mittelchen suchten.

Oft berichtete vor allem die weibliche Kundschaft über ihre doch sehr heiklen und intimen Probleme, für die sie sich nun Abhilfe bei den Schwestern erhofften. So musste man sich auch schon mal etwas mehr Zeit nehmen, um allen Wünschen gerecht zu werden. Doch es gab kein Problem, dass die Schwestern nicht in den Griff bekamen. War einmal ein bestimmtes Produkt nicht vorrätig, so stellten die Schwestern es meist sofort her oder brauten es über Nacht, sodass kein Kunde lange darauf warten musste. Schließlich galt es, zahlreiche epidemieartig auftretende Schönheitsfehler wie Warzen, Furunkel oder auch Flecken und Schuppenflechten wieder loszuwerden.

Auf jeden Kundenwunsch konnte Serena inzwischen reagieren und hatte sogleich das Passende im Laden gefunden oder den Schwestern das Anliegen vorgetragen, sodass sie sich den schwierigen Fällen annehmen konnten. Schon nach etwa zwei Stunden hatte sich Serena gut eingearbeitet und vor allem neu erworbene Kundschaft hätte es gar nicht gedacht, dass sie erst gestern zum Schwesterntrio gefunden hatte. Inzwischen waren sie ein eingespieltes Team und Moira Grace war froh darüber, in Serena eine verantwortungsvolle und fleißige Mitarbeiterin gefunden zu haben.

»Wenn sie sich weiterhin so gut macht, können wir Serena bestimmt auch einen Schlüssel für die Vorratskammer anvertrauen, zudem sie immerhin durch unsere Brodelküche gehen muss«, meinte Moira Grace zu ihrer Schwester Elvira, die den Kunden auch stets ausreichend Proben in die Tüten steckte, um ein stetiges Verlangen nach mehr zu erzeugen.

»Lassen wir sie mal eine Woche bei uns arbeiten«, sagte Gillian, die mit dem Einpacken der gekauften Produkte als nettes Mitbringsel gar nicht mehr hinterherkam, »wenn Serena fleißig lernt und wir ihr auch mal den Laden für eine Stunde überlassen können, hat sich unsere Entscheidung für eine Aushilfskraft bereits bezahlt gemacht.«

Es war vor allem den zahlreichen Touristen zu verdanken, die das Hafenstädtchen Lyttleton besuchten, die unter anderem dafür Sorge trugen, dass die Moore Schwestern inzwischen auf allen Kontinenten bekannt waren. Überall auf der Welt schätzten unzählige Kunden ihre biologischen Kosmetikprodukte und Tinkturen. Viele dieser so erlangten Kunden wussten um die positiven Wirkungen und überschütteten die Moore Schwestern mit Dankesbriefen und Komplimenten. Und niemand hätte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass gar sonderbare Mächte oder Zauberei mit im Spiel wären — das leibhaftige Hexen hier am Werke waren, mit viel Zauber und List.

Alle ihre Produkte wiesen den Ursprung in Form von Etiketten und Stempeln auf, und so natürlich auch ihre selbst abgefüllten Limonaden, die den Kindern als Erfrischung dienten — den lieben Kindern der Kunden.

Was allerdings geschah, wenn sich ein unbefugtes Kind an diesem Trank versuchte, musste nun der Oberarzt im Kinderkrankenhaus klären, der die von Peter Meyer geleerten Flaschen genauer inspizierte und lange darüber nachgrübelte, was ihm zugestoßen war.

Stöhnend und von Schmerzen geplagt, lag Peter auf der Station für innere Medizin, da der Oberarzt von einem Krampf des Zwerchfells ausging oder auch einer Muskelreizung im Magen-Darm-Trakt. Nie zuvor hatte er ein derartiges Phänomen beobachten können und schon seit Stunden rätselte er und war mit seinem Latein am Ende. Auch die Klassenlehrerin wusste sich keinen Rat, als sie Peter gleich am Morgen in die Klinik gebracht hatte und sehr besorgt um den Schüler war. Alles, was sie vor der Fahrt noch in Erfahrung bringen konnte, passte auf einen kleinen Notizzettel, den sie rasch aus ihrer Tasche kramte, bevor sie dann wieder zurück in die Schule fahren wollte.

»Ein Mitschüler hat mir gesagt, dass Peter ihm diese Flaschen abgenommen habe. Er habe sie sehr schnell getrunken«, sagte die Lehrerin zum Oberarzt und blickte fragend in Peters schmerzgeplagtes Gesicht.

Doch dieser konnte vor lauter weiteren schmerzbringenden Rülpsern nicht einmal antworten und hoffte darauf, dass der Arzt schnellstens eine Lösung fände.

»Nun, die Flaschen stammen aus dem Laden Süßes oder Saures in Lyttleton«, stellte der Oberarzt anhand des aufgeklebten Labels fest. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas an der Brause nicht in Ordnung ist. Meine Frau ist dort Stammkundin, und auch mein Sohn hat dort schon Limonade getrunken. Könnten Sie vielleicht nach Lyttleton fahren und mir dort eine volle Flasche besorgen, wenn Ihnen das keine Umstände macht?«

»Eigentlich muss ich zurück zu meinen Schülern. Ich kann aber dort anrufen und mich für eine weitere Stunde vertreten lassen«, sagte die Lehrerin und rief zugleich die Schulleiterin über ihr Handy an. »Gut, das ist geklärt! Ich werde Ihnen eine Limonadenflasche aus dem Laden besorgen, da auch mich die Ursache dieses schrecklichen Rülpsanfalls interessiert. Wir müssen diesem Jungen doch unbedingt helfen.«

Im Laden gönnten sich die Schwestern gerade eine kleine Pause, da der erste Ansturm vorüber war und Serena schon bestens alleine zurechtkam. Dazu zogen sich die Schwestern in ihre Küche zurück und backten frische Ingwerkekse. Dabei wollten sie jedoch nicht gestört werden und stellten ganz nebenbei Serena auf die Probe. Serena bediente gerade ein junges Pärchen, das nach einem Badeöl fragte, um ihre erloschene Leidenschaft neu zu entfachen.

»Viel zu lange haben wir schon nichts Besonderes mehr erlebt«, meinte der junge Mann und schaute dabei etwas verlegen auf den dunklen hölzernen Fußboden, der wie ein Schachbrett angeordnet war. »Doch ich weiß von einem Freund, dass er bei Ihnen ein Badeöl gekauft hat, das wahre Wunder vollbringt. Wissen Sie da vielleicht, welches das ist?«

»Da kann ich Ihnen nur zu diesem hier raten«, empfahl Serena und ließ die beiden an der Flasche schnuppern. Kaum war die Flasche geöffnet, strömte ein herrlicher Duft von Yasmin und Ylang Ylang aus der Flasche.

»Das riecht wunderbar. Ich denke, dass es dieses Öl ist. Ja, das nehmen wir.«

Hastig eilte die Lehrerin in den Laden, den sie in Lyttleton nicht allzu lang suchen musste, da schon der erste gefragte Passant ihr den Weg weisen konnte. Schließlich wusste jeder in Lyttleton über den kleinen Laden namens Süßes oder Saures bescheid.

Aufgeregt fragte sie: »Stammen diese Limonadenflaschen aus Ihrem Sortiment?«

»Sicher, die sind von uns«, sagte Serena nach einem prüfenden Blick auf das Etikett. »Stimmt etwas nicht mit den Flaschen oder wollen sie nur das Pfandgeld dafür zurück?«

»Bedienen Sie zuerst einmal diese Herrschaften fertig«, sagte die Lehrerin und stellte die beiden Flaschen auf den Tresen ab. Dann schlenderte sie neugierig durch den Laden.

»Also gut, dieses Badeöl soll es sein«, nahm Serena wieder die Verkaufsberatung mit dem Pärchen auf.

»Kann ich Ihnen sonst noch etwas Gutes tun?«

»Vorerst nein. Aber wir werden bestimmt wiederkommen, wenn wir mit dem Badeöl Erfolg haben«, lächelte die Frau entspannt und schleifte ihren Partner zur Kasse.

»Oh, den werden Sie haben, garantiert!« Serena kassierte den Betrag ab und sah dabei das kleine Hinweisschild an der Kasse kleben: Stets an Proben denken! Das Badeöl legte Serena vorsichtig in die Papiertüte und gab noch eine Handvoll Probepäckchen hinzu, die unter der Kasse in einem Korb bereitlagen, beschriftet mit dem Wort: Kundenfänger! Doch derlei Aufmerksamkeiten kannte sie auch aus Drogerien und Apotheken und so dachte sie sich nichts weiter dabei, auch wenn die Bezeichnung mehr als zutreffend war. Kundenpflege und gute Werbung war und ist aber das A und O eines jeden gut geführten Geschäfts.

Dank der vielen Kontakte zu ihren Kolleginnen waren die Moore Schwestern regelrechte Experten auf diesem Gebiet und ließen keine Chance ungenutzt, neue Kunden für ihren Laden und natürlich auch für ihre Produkte zu begeistern und zu gewinnen.

Allerdings weniger begeistert war die Lehrerin, die nun allein mit Serena über ihre Sorge sprach, ein Schüler von ihr hätte sich vielleicht etwas eingefangen, als er die Brause aus diesem Laden konsumiert hatte. Zweifellos hatte sich Peter etwas eingefangen, doch Serena wusste das nicht und konnte auch keinen klärenden Rat geben.

»Diese Limonaden werden von den Schwestern eigens für unsere Stammkundschaft mit Kindern hergestellt, als kleine Aufmerksamkeit sozusagen.«

»Doch noch nie hat sich jemand darüber beschwert«, pflichtete Elvira bei, die Serena bei diesem Gespräch nicht allein lassen wollte und unterbrach dafür ihre Pause. Mit einer Schürze bekleidet und von Mehlstaub benetzt, gesellte sie sich zu Serena und nahm die mitgebrachten Flaschen in Augenschein. In ihrem Kopf konnte sie schon sehen, was geschehen war und reagierte anfangs äußerst zornig.

»Die Flaschen waren schließlich nicht für diesen Jungen bestimmt«, erklärte Elvira und stellte die leeren Flaschen in eine Kiste für das Leergut ab. »Es war schließlich die Gier, die diesem Jungen zum Verhängnis wurde. Bestimmt hat er sie eiskalt und viel zu schnell getrunken.«

»Ja, das haben mir seine Mitschüler berichtet.«

»Wie heißen diese Mitschüler des kranken Jungen?«

»Nun, das wären Charly Cutter und Jonathan Visser. Schon oft wurden die beiden von Peter Meyer geärgert. Er gilt als Raufbold in unserer Schule.«

»Oh, dann hat es wohl den Richtigen getroffen.«

»Aber wie können Sie das nur sagen. Dieser Junge liegt im Krankenhaus und rülpst ununterbrochen, dass er sich vor Schmerzen krümmt.«

»Naja, so bitter habe ich das gar nicht gemeint. Selbstverständlich helfen wir Ihnen bei diesem Problem. Warten Sie einen Augenblick.«

Während die Lehrerin von Serena sich einige Produkte erklären ließ, um vielleicht das ein oder andere zu erwerben, verschwand Elvira für einige Minuten und kam dann mit einem kleinen Tiegel zurück. »Hier, das sollte dem Jungen schnell Linderung verschaffen. Sie müssen diese Salbe auf seinen Bauch schmieren und einwirken lassen. Nach etwa einer halben Stunde sollte der Spuk vorüber sein«, erklärte Elvira und überreichte den Tiegel an die Lehrerin, die doch tatsächlich noch etwas für sich gefunden hatte. Neben ihren soeben erworbenen Cremes und Wundermittelchen, kaufte die Lehrerin auch noch eine Flasche der grünen Limonade, da sie die dem Oberarzt bringen wollte.

Aus irgendeinem Grund hatte es die Lehrerin gar nicht mehr so eilig, zahlte ihre Waren und freute sich natürlich — so wie jeder Kunde — über die zahlreichen kostenlosen Probepackungen, die sie in ihre Tüte gepackt bekam. Keineswegs wollte sie ein falsches Wort über diesen Laden über ihre Lippen bringen. Hatte sie doch dort endlich eine Creme gefunden, die ihre hässlichen Altersflecken auf den Händen verschwinden ließen.

Wie durch Zauberei und sekundenschnell.

Sie konnte es kaum noch erwarten, diese Creme auf ihrem gesamten Körper anzuwenden. Dadurch würde sie um Jahre jünger aussehen und vielleicht doch noch eine Chance haben, bei dem vertretenden Schulleiter zu landen, den sie schon seit Jahren anhimmelte. Doch bevor die Lehrerin nach Hause fahren wollte, fuhr die pflichtbewusste Frau erst noch in das Krankenhaus und gab dort die Limonadenflasche für weitere Untersuchungen ab.

Während sich der Oberarzt im hauseigenen Labor auch gleich dran machte, die Flüssigkeit zu analysieren und auf eventuelle verbotene oder krankheitsfördernde Inhaltsstoffe und Substanzen zu untersuchen, besuchte die Lehrerin ihren Schüler aus der siebten Klasse.

Peter Meyer hatte man inzwischen an das Bett fesseln müssen und ihm starke Beruhigungsmittel gegeben, sodass er zwar eingeschlafen war, seine Bauchdecke jedoch immer noch im Minutentakt zusammenzuckte. Da kein anderer im Zimmer war, setzte sich die Lehrerin neben das Bett auf einen Stuhl und holte den kleinen Tiegel hervor, den sie von Elvira zur Behandlung bekommen hatte.

Sie zog Peters Pullover hoch und nahm die gesamte Masse mit ihren Fingern auf. Vorsichtig berührte sie die pulsierende Bauchdecke und verteilte die kühlende Creme auf Peters gesamten Oberkörper. Danach zog sie Peter die Bettdecke bis zum Kinn und wartete gespannt neben seinem Bett, während sie die erhaltenen Proben aus dem Laden zählte und nach Wirkungen und Anwendungen sortierte.

Die Minuten verstrichen und das Pulsieren des jungen Körpers wurde zunehmend schwächer, bis es schließlich erwartungsgemäß völlig aufhörte und Peter von diesem Fluch erlöst war. Ungewollt wurde die Lehrerin so zu einer Helfershelferin, zu einem verlängerten Arm der Hexen, deren Zauber sie mit ihrer Willensstärke in den Griff bekommen konnte. Auch sie unterlag längst dem Zauber und der Magie, die von den drei Schwestern ausgingen.

Keiner könnte sich diesem entziehen!